Böser Drachen
Meiner süßen, virtuellen Freundin Anna laufen die Tränen über’s Gesicht.
Sie schaut sich die Dokumentation über  Tony Robbins, diesen charismatischen Gottvater aller Lifestyle-Coaches, an. Eine Dokumentation über eines der Erfolgsseminare, das sechs Tage andauert und an dem über 2.500 Menschen teilnehmen.
Sie sieht diese junge Frau – Dawn –  so zart, so verletzlich und so schön. Sie spricht. Nein, es ist kein Sprechen. Es ist eher wie ein leises Schreien,  wie das Wimmern eines Tieres. Sie stößt die Worte aus, sie kämpfen sich unaufhaltsam wie ein Lavastrom aus ihr.
Anna ist kaum in der Lage zu erfassen, was dieser Frau passiert ist. Gemeinsam mit ihrer Mutter und den Geschwistern aufgewachsen in einer Sekte, den Kinder, Soldaten oder whatever Gottes. Einer Gemeinschaft, in der die  Liebe zu Gott durch Sex gezeigt wurde. Sex, zu dem alle immer, jederzeit und jedem zur Verfügung stehen mussten. Sex, in allen Variationen. Vergewaltigungen. Unaussprechliches.
Dawn war bis zum Alter von 12 Jahren ein Kind Gottes.
Dawn wusste nicht mehr wie sie weiterleben sollte. Ein gebrochenes Geschöpf. Ein Mensch, der nur lebte, weil er seiner Familie, die ebenfalls gebrochen war, menschlich unterstützte, motivierte und antrieb.
Ihre Kraft war zu Ende. Sie war müde. Sie war des Lebens müde.
Doch dann passierte das Unglaubliche.
Dieser Mann, dieser Erfolgscoach, erreichte Dawn. Er sah sie. Er sah, dass sie voller Liebe war. Voller Liebe für andere Menschen. Er sah ihre unfassbare Stärke, die sie all das hatte überleben lassen. Er sah ihre Stärke, die sie alles auf eine Karte hatte setzen lassen. Sah diese Frau, die ihr letztes Geld genommen hatte für dieses sauteure Seminar, in der Hoffnung dort neuen Lebensmut zu finden.
Tony Robbins sah durch das Zerbrochene hindurch und sah die Frau, die sie werden konnte. Die schon  da war.
Und er ließ sie all das auch sehen und spüren. Doch es brauchte mehr um diese Frau ins Leben zurückzuholen.  In einem Akt der Menschenliebe oder des Geschäftskalküls – was vollkommen egal ist – unterstützt er diese Frau. Er ermöglicht es ihr bei einer der besten Trainerinnen selbst zum Coach ausgebildet zu werden. Er selbst wird ihr alles was notwendig ist vermitteln.  Wahnsinnige Summen von Sponsoren fließen. Alles wird möglich.
Heute ist Dawn erfolgreich.
Anna ist fassungslos über die Transformation, deren Zeugin sie geworden ist. Sie ist tief berührt.  Voller Empathie fühlt sie mit Dawn.
Und doch spürt sie voller Scham ein unaussprechliches Gefühl in sich aufsteigen. Neid, schmieriger, gehässiger Neid. Neid, auf die unfaßbare Wandlung zum Guten hin in Dawns Leben. Neid auf das filmreife Happyend, dass vor ihren Augen stattgefunden hat. Obwohl sie sich so sehr dafür hasst, kann sie die Frage nicht unterdrücken:
„Warum haben bekommen andere immer genau die Unterstützung, die sie brauchen? Warum haben sie eigentlich immer mehr Glück als ich?“ – Anna

Wir alle kennen dieses Gefühl, wenn wir davon überzeugt sind, dass andere einfach mehr Glück haben. Kommissar Zufall steht immer im genau richtigen Moment bereit. Nur wir kommen einfach nicht richtig voran. Wir werden das Gefühl, dass uns das entscheidende Quäntchen Glück fehlt,  nicht los.
Aber nein, Anna:  Das war kein Glück. Glück hat dabei überhaupt keine Rolle gespielt. Nicht bei Dawn und nicht bei den anderen, die wir manchmal so sehr beneiden.
Es sind komplett andere Elemente, die dazu geführt haben, dass das scheinbar unglaubliche Happy End eingetreten ist.

Süße, es ist nur ein Film

Eigentlich ist  dieser Punkt so selbstverständlich, dass er nicht erwähnenswert erscheint. Ist er aber doch. Denn er ist präsent und nicht auszurotten.
Immer dann, wenn wir Zeuge werden von scheinbar mirakelhaften Erfolgsmomenten, ist das einfach nur ein aus dramaturgischen Gründen zugespitztes, schönes  Motiv, das dir präsentiert wird.
Sternenstaub mit Zuckerguß.
Gleichwohl wollen wir so gern glauben, dass es diesen einen magischen Moment im Leben gibt, der alles ändert. Du stehst auf der Bühne deines Lebens, die Menschen um dich herum werfen Blumen auf eine metaphorische Bühne, einfach weil sie so unendlich berührt sind und dich SEHEN.
Das Wissen um diese romantische Idee reicht scheinbar nicht. Aus diesem Grund sage ich es dir heute noch Mal:
„Der Erfolg kam förmlich über Nacht nach ungefähr 10 Jahren harter Art.“
Reiß dir diesen Gedanken aus deinem Kopf. Glück macht keinen Erfolg. Erfolg musst du dir erarbeiten. Es gibt keine Abkürzung.

Wanted – Dead or Alive

Es war kein Zufall, dass Dawn in dem Seminar stand. Es war kein Zufall, dass Dawn aufgestanden ist als Tony Robbins nach akut Selbstmordgefährdeten gefragt hat. Es war kein Zufall, dass sie ihre unaussprechliche Geschichte erzählt hat.
Es war Strategie. Eine geplante Vorgehensweise. Tatsächlich hat Dawn alles getan, damit genau diese Situation eintritt.
Es geht darum zu erkennen, was der nächste richtige Schritt ist. Was dir den gewünschten Erfolg bringt. Die notwendige Hilfe bringt. Eine klare Analyse und eine unumstößliche Entscheidung.
All in. Alles auf eine Karte.
Dawn hat alles getan, was ihr möglich war, damit genau diese Situation eintritt.
Das heißt, du musst wie ein Pathologe mit spitzem Skalpell deine Situation sezieren. Du musst erkennen, was der nächste richtige Schritt ist. Der eine Schritt, der dich deinem Ziel näher bringt. Diesen Schritt musst du gehen. Wenn notwendig, auch Opfer bringen. Du musst alle Umstände berücksichtigen, kalkulieren, ermessen, optimieren. Du musst alles tun, damit das gewünschte Ergebnis mit größter Wahrscheinlichkeit eintritt.
Und dann geh volles Risiko. Du setzt alles auf schwarz.
Schwarz gewinnt. Glück gehabt?
Nein. Gut vorgearbeitet!
Rot gewinnt. Du hast verloren. Und du fängst das verdammte Spiel von vorne an. Wenn du die Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung kennst, weißt du, dass du gewinnen wirst. Eine Frage der Zeit.

Sei verletzlich oder wie du deinen Feind entmannst

Der ganz bewusst und mutig eingesetzte ultimative Erfolgsfaktor Dawns war das Offenbaren der Gräueltaten, die sie erlitten hat.
Ich wünsche mir von Herzen, dass du nicht Dawns Erfahrungen hast, aber ich weiß, dass es auch in deinem Leben Ereignisse gab, die zu erzählen dir nicht möglich ist. Zu groß die Scham. Zu groß die Angst vor Ablehnung.
Wenn die anderen das erfahren, werden sie dich nie mehr lieben, respektieren und achten.
Du verbirgst diese sprichwörtlichen Leichen in dunklen Kisten, in der hinteren Ecke deines Gefühlskellers. Vielleicht kennt dein Mann diese schmerzhaften Geschichten. Vielleicht weiß deine beste Freundin Bescheid. Vielleicht hast du dich deinem Therapeut offenbart. Aber du weißt, dass du deine Geschichte  nie öffentlich erzählen wirst. Es ist nicht möglich.
Aber ich sage dir jetzt: Tue genau das!
Hole den größten Schmerz, die größte Scham hervor und schick es in die Welt. Der Switch vom Opfer zum Kontrollierenden der Situation, macht den Schmerz erträglicher. Lässt ihn kleiner werden. Die  Scham verschwindet nicht, aber sie weicht etwa anderem. Sie weicht dem Erkennen, dass es mehrere gibt wie du. Deine Schwäche weicht dem Erkennen, dass du stark bist. Sie weicht der Erkenntnis, wie sehr du anderen hilft, wenn du zeigst wie schwach du bist.

 Transformation Day

Du hast die Führung übernommen. Bist nicht mehr Opfer, sondern Entscheider.
Diese Erkenntnis, dieses Bewusstsein lässt dich wachsen. Du wirst Unterstützung bekommen. Du wirst Menschen treffen, die ähnliches erlebt haben.
Du hast ein Tableau der Möglichkeiten, dass es vorher nicht gab.
Los, nutz deine Chance. Du hast es in der Hand.
 „Absolute, völlige Verletzlichkeit ist die einzige wirkliche Stärke.“ Unbekannt
Und während du deinen Erfolg genießt steht Anna möglicherweise steht irgendwo am Rand und schaut ungläubig dabei zu, dass schon wieder ein anderer so ein unfaßbares Glück gehabt hat.
Take care und bleib glücklich

Claudia

2 Comments

  1. Super super Artikel!

    Was ich nicht unterschreiben würde ist, dass nur Schwäche zeigen Stärke ist. Bzw. ich würde es anders formulieren.
    Denn alles zur richtigen Zeit. Wenn Tony Dawn im Moment ihrer größten Verletzlichkeit auch einfach nur von seiner größten Schmach erzählt hätte, wäre Dawn vermutlich nicht so viel geholfen. Er ist in solchen Momenten ganz in seiner Stärke, kann Liebe und Raum geben für alles was da ist. Halten, den Schmerz aufnehmen.

    Danke für diesen zauberhaften und schonungslos ehrlichen Artikel, liebe Claudia! <3

    1. Liebe Lydia,

      you made my day. Danke dir sehr.

      Ja, nur Schwäche zu zeigen, ist keine wirkliche Stärke. Die Stärke liegt insbesondere darin, sich in seiner Gesamtheit inklusive der Verletzlichkeit zu zeigen. Du zeigst dich. Du offenbarst deine Achillesferse. Damit kommst du raus aus dem Gefühl, dass über dir das Damoklesschwert des Entdecktwerden schwebt. Du offenbarst das, von dem du dachtest, dass es dir zum Nachteil gereichen könnte. Das, von dem du dachtest, es sei zu peinlich. In dem du es aussprichst, nimmst du den Druck der Angst vor Entdeckung von dir. Das ist die Stärke der Verletzlichkeit, die ich meine. Du wirst pro-aktiv.

      Ganz liebe Grüße

      Claudia