Zutiefst berührt von den unendlich romantischen Zeilen, die vermeintlich ihr Mann ihr zweimal täglich an die Front schreibt, eilt Roxane durch die belagerten Linien, um eben diesem Geliebten zu gestehen, dass sie nun erkannt habe, dass ihre Liebe für ihn unendlich ist und unabhängig von seinem zweifellos schönen Äußeren. Sie liebe vielmehr seine Seele.

„So, eine verdammte Scheiße!“,

so oder so ähnlich, wird  Neuvillette in diesem Moment empfunden haben.

Denn die Romanfigur wusste, dass nicht er der wahrhaftige und berechtigte Empfänger der hingebungsvollen Liebe dieser anbetungswürdigen Frau war. Seinem väterlichen Freund Cyrano gebührte die Liebe der wunderschönen Roxane, denn er war der Verfasser der Zeilen, die Roxanes Seele berührt hatten.

Er hatte sich mit fremden, mit Cyranos Federn, geschmückt. Er hatte getäuscht, geblendet und sich die Liebe und Bewunderung Roxanes  erschlichen.

Ich sage es nicht gerne und ich sage es nicht leicht: So wie dem betrügerischen Neuvillette ging es mir kürzlich. Mich hat  lange das Kartoffelsalat-Chaos im Kopf geplagt, bis ich es erkannt habe. Doch die bittere Wahrheit ist: Ich hatte Angst, nicht zu genügen.

„Puh, das ist ja mal etwas ganz Neues, Frau Münster! Diese Angst kennen wir doch alle.“

Dieses Unbehagen steht ganz oft in direkter Verbindung zu seinem dunklen  Kumpel „Vergleich“, den wir auch alle kennen und fürchten.

Das ist wirklich nix Neues, nix für meinen Blog, nicht geeignet, um dich vom Gähnen abzuhalten.

Oder vielleicht doch? Vielleicht ist es doch interessant. Denn der Vergleich, den ich gescheut habe, der Anspruch, dem nicht zu genügen ich befürchtete, war der Vergleich mit

MIR.

Und das ist in der Tat etwas, was ich mir unbedingt näher anschauen wollte. Denn dass der Vergleich mit der Schönsten, der Erfolgreichsten, der Unberührtesten und der Einflußreichsten schmerzhaft und zerstörerisch ist, ist altbekannt. Doch die Angst, dem Vergleich mit mir selbst nicht standzuhalten, hat schon eine fiese, kleine, selbstzerstörerische und neue Qualität.

Ich will dir erzählen, wie es dazu kam:

Vor wenigen Wochen hatte ich ein Blind Date der besonderen Art. Ich hatte eine Begegnung von online zu offline. Ich war zum Essen mit Doro von Nowshine und Hilda von Kiki Passarella verabredet.  Unsere Männer haben uns zu diesem Treffen begleitet und es war ein wunderbarer Abend mit fremden Freunden. Dorota und ich verfolgen und schätzen seit einigen Monaten sehr intensiv die Arbeit des anderen. Wir waren uns so nah, wir waren Freundinnen,  ohne uns zu kennen. Wussten sehr viel voneinander, ohne je miteinander gesprochen zu haben. Wir kannten unsere Schlaf- und Wohnzimmer, ohne je einander die Tür im echten Leben geöffnet zu haben.

Und es war wunderbar. Wir drei Frauen waren uns so nah. Die Männer waren offen und neugierig und freundlich  (obwohl  sie bestimmt manchmal angestrengt waren von den Blogger-Aktivitäten ihrer Geliebten) und wir hatten einfach viel Spaß, wunderbare Gespräche und Seelenfutter, weil sich verwandte Seelen getroffen haben.

Deine Intuition weiß schon lange vor deinem Kopf Bescheid.

Dieses Freundestreffen unter Fremden hatte genau all die Elemente, die du dir darunter vorstellst. Die bittersüße Aufregung in den Tagen zuvor. Die leise, bange Angst, ob die virtuelle Freundin, die du online so genau kennst, auch wirklich genau das ist, was du glaubst gesehen zu haben. Die große Sehnsucht, dass die online-Nähe genug Dichte hat, um euch auch offline zu tragen.

Und hey, mein Bauch war der richtige Ratgeber: Doro und Hilda  waren offline genauso wundervoll wie online.

Doch bin ICH genauso wunderbar wie das  Bild von mir?

Auch wenn ich lange brauchte, um es zu erkennen, habe ich bei diesem Treffen den Vergleich mit mir selbst gescheut. Ich fürchtete, dass der  Vergleich von mir in der Realität dem Vergleich mit meinen Texten, meinem Bild der Bloggerin nicht standhalten würde.

Meine Texte sind mein Produkt, egal wie viel Seele, wie viel Liebe und wieviel Leidenschaft darin steckt. Wie sehr ich auch dieses Produkt aus tiefster Seele an dich schenke – es ist ein Produkt.

Für meine Posts recherchiere ich, schreibe sie in drei Etappen und in einer ganz bestimmten Technik.

Wie sehr ich auch schreibe, weil ich schreiben muss. Es bleibt dennoch ein Produkt. Auch wenn jedes Wort zu 100% meiner tiefsten Seele entspringt, es bleibt es das Ergebnis eines intensiven Arbeitsprozesses.

Es ist kein spontaner Klugschiß.

Es ist unendliche Liebe plus Technik plus Arbeit.

Doch ich bin nicht in jedem Momente meines Lebens meine Artikel. Ich rede und denke nicht in jeder Situation so reflektiert, strukturiert und tiefgründig. Oft ist da eine Menge Kartoffelsalat in meinem Kopf, der etwas braucht, um zu einer Herzoginnenkartoffel zu wachsen. Da ist auch mal Banales und auch mal etwas Dummes und Ungerechtes. Da ist auch mal zu lautes Lachen.  Und da ist manchmal „Lästerschwester-Alarm“.

Da ist vieles und alles zusammen macht mich aus.

Ist das monochrome und das bunte, das dunkle und helle, das böse und das liebe, einfach das Komplett-Paket genauso schön, wie mein online alter-ego?

Bin ich gut genug?

Es ist absurd, doch da war diese  Sorge, nein, so ein konkretes Gefühl war es nicht, es war eher ein diffuses Gefühl des Nicht-Genügen.

Gib dir Liebe Baby und zwar die volle Dröhnung

Diese Erkenntnis hat mich erstaunt, erschreckt und verunsichert. Was stimmt in meinem Herzen, meinem Kopf und meiner Seele nicht, wenn ich irgendwo in den Tiefen meiner selbst befürchte nicht so gut zu sein wie ich selbst bin?

Kollektives Bescheidensein, zu strikte geistige Trennung zwischen mir und meinem Produkt, war möglicherweise die Grundschullehrerin gemein zu mir, bin ich am Ende beim Völkerball-zu oft-zuletzt-gewählt worden??

Ist mir doch wurscht!

Die Retrospektive, die unendlich vergrößernde Lupe, das Mikroskop, das eindringlich fragende „hätte, wäre, sollte“,  hilft nur bedingt. Ja, manchmal solltest du richtig tief schauen und manchmal auch mit Hilfe eines richtigen guten Experten.

Doch manchmal braucht es einfach nur die herausgewölbte Brust nach den Nächten der Unsicherheit. Es braucht lediglich die Weichheit für dich selbst, das Lob der anderen zu fühlen, anzunehmen.

Es braucht die Eier in der Hose, um der feinen, kleinen Bescheidenheits-Maus, die sich doch immer wieder unaufgefordert und sehr leise und heimlich den Weg in dein Wohnzimmer bahnt, einen Tritt in den Popo zu geben.

Ja, ja, quatsch mich nicht voll. Ich werde genügen und zwar genauso wie ich bin

Ich weiß, manchmal ist die fiese, renitente mimimimi Stimme sehr anschmiegsam. Sie gaukelt dir tiefgehende Gedanken, Konflikte und immer wieder Gehirn-Salat vor. Doch eigentlich ist es ganz einfach: Wir alle haben einen Weg vor uns. Du bist nicht fertig. Es erscheint dir zwar manchmal so. Alles läuft. Mindset im Griff. Selbstliebe radikal. Und 100% Akzeptanz. Du bist eins mit dir und akzeptierst dich in deiner Unvollkommenheit. Du bist happy und gelassen. Du lächelst über deine Schwächen und du umarmst deine Widersprüche.

Ja, ja, ich kenne das. Funktioniert hervorragend. Am besten funktioniert es, wenn ich 10 fette Aufträge gebucht habe, mein Mann gerade schockverliebt in mich ist, meine Freundinnen mich furchtbar lieb haben und  meinen KundInnen – als Cream on the Cake – fassungslos vor Glück sind, mich zu haben.

Ja, I confess. Okay!!! Es wird ein klitzekleines bisschen schwierig diese gelassene und positive Haltung zu bewahren, wenn ich etwas an die Wand gefahren habe. Es macht es auch nicht leicht, wenn mein social Life mal stressbehaftet ist (um es mal süß-klebrig zu formulieren). Dann nämlich reicht schon eine nicht beantwortete sms, um ein Gedanken-Karussell in Gang zu setzen:

„Habe ich etwas Falsches gesagt? Bestimmt ist sie genervt!“

Ja, ich übertreibe ein kleines bisschen.

Doch unbestrittener Fakt ist: Es ist einfach sich zu lieben und glücklich zu sein, wenn alles easy ist. Manchmal reicht schon eine kleine Herausforderung, um deinen Puls hochzutreiben, dein Gedanken-Karussell in Gang zu setzen. Das ist verwirrend. Ernüchternd. Und es zeigt dir: Das Sweety, ist deine Baustelle. Wieder und wieder.

„You should go and love yourself.“ – JB

Denn die anderen Menschen lieben dich schon längst, denn du bist ein wunderbarer Mensch. Du weißt es intellektuell und ja, du sagst es dir auch gerne Mantra-mäßig vor.  Doch  ich muss es dir gestehen: Du hast – gemeinsam mit mir – noch eine  Menge Arbeit vor dir.

Wenn du wie ich sogar den Vergleich mit dir selbst scheust, dann sollten wir voller Liebe eine ganze Tonne liebevoller  Mantras über dich wie rote Rosen regnen lassen. Und nein, es besteht nicht die Gefahr, dass du zu eingebildet und zu souverän und zu laut wirst. Diese Gefahr gibt es bei dir nicht, denn sonst wärst du nicht hier auf dem Blog.

Vielleicht sollten wir gemeinsam eine be-wonderful-challenge veranstalten. Uns gegenseitig wissen lassen, was wir aneinander schätzen. Und zwar ungetunt, ungesüßt und  ohne Filter.

Und genau das war das Geschenk, das mir meine nun nicht mehr fremden Freundinnen Doro und Hilda gemacht haben: Die Wärme und die Liebe, die sie mir schenkten, hat es meinem kleinen, fiesen Herr der Schlüssel erlaubt, die Tore zu öffnen, wenn auch ächzend und mit viel Anstrengung und mit ein kleines bisschen Widerstand.

Und  sie haben mir gezeigt, dass ich in Zukunft die Verse für Roxane über die Linien zu schicken kann und mir sehr wohl bewusst sein kann, dass ich Cyrano und nicht Neuvillette bin.

Diese Erkenntnis gebe ich dir weiter: Erlaube dir zu erkennen, dass Du genügst. Ohne Filter. Ohne Maske. Ohne End-Korrektur.  Du bist der Vogel, es sind deine Federn.

Genau im gleichen Moment, am 07.02.2017 um 6:00 Uhr wird Nowshine ihr Erleben dieses Abends online stellen. Ich kenne ihren Post nicht, ich weiß nicht, ob sie auch einen inneren Kampf hatte, von dem ich nichts wusste oder ob sie einfach den Abend genossen hat.

Ich weiß es nicht. Und deshalb darfst du mir glauben, ich bin genauso gespannt wie du.

Take care und werde glücklich und großartig

 

Deine Claudia

2 Comments

  1. Hey, Claudia Münster,

    du bist einfach großartig!!!!
    Es ist so schön, dass es dich gibt und du deine Gedanken und Texte
    anderen Menschen „schenkst“.
    Sie sind so offen, ehrlich und ungeschminkt, ich finde mich in jedem deiner Texte wieder.

    Lieben, lieben Dank dafür….

    Liebe Grüße vom Niederrhein

    Kaschi

    1. Wow, liebe Karina, dein Kommentar macht mich happy. Danke dir so sehr.

      Ja, tatsächlich schenke ich euch meine Offenheit. Ich habe selber jahrelang meine Gedanken und Gefühle wie in Fort Knox gehütet und ich weiß, was das für Kraft kostet. Kraft, die man viel besser in Energie umsetzen kann. Und wenn dich meine Offenheit und meine Texte inspirieren und motivieren und du dich wiederfindet, dann macht mich das unendlich glücklich. Und dann weiß ich, dass wir zusammen alles schaffen können 😉

      Oh, am Niederrhein. Wo ist denn das genau (ich bin eine null in Geographie)? Da ist es wunderschön, oder?!

      Auf bald und liebe Grüße

      Claudia