Unsere eigenen Geschichten glauben wir doch am allerliebsten.

Denn wir sind so sehr mit ihnen vertraut. Es ist so kuschelig mit ihnen, diese Geschichten, die wir uns so oft selber erzählt haben. Ach, es ist viel mehr als nur Vertrautheit. Die Geschichten stimmen einfach, höre ich dich schon empört einwenden. Ja, irgendwie hast du Recht. Klar stimmen sie. Sie sind deine Wahrheit. Nur um Missverständnissen vorzubeugen – ich nehme mich da nicht aus. Auch ich liebe meine klebrigen, altvertrauten Wahrheiten und ich weiß, dass sie einfach wahr sind.

Aber lass mich dir lieber von Anna erzählen. Süße, kleine Anna. Für alles muss sie herhalten, damit du und ich von der Last der unangenehmen Wahrheit ein bisschen entlastet werden. Gut, dass wir sie haben.

Es geht also um Anna und ihre Schwester. Selbstverständlich liebt Anna ihre kleine Schwester. Sie würde alles für sie tun. Dennoch gerät sie sich regelmäßig mit ihrer Schwester in die Haare. Anna kennt den musterhaften Ablauf jeder Begegnung, A-B-A-B-A- und dann kommt der Riesen Knall. So sehr Anna es sich auch vornimmt, sie schafft es nicht aus diesem klischeehaften Muster auszubrechen. Aber sie will  (Gott, wie nenne ich jetzt bloß die Schwester?) Pia mit ihrer Masche, andere Menschen so zu manipulieren, dass sie genau das tun, was sie will, einfach nicht mehr durchkommen lassen. Diese ganz besondere Art, die Pia drauf hat. Sie tut hilflos. Tatsächlich hat sie einfach keinen Bock. Anna weiß das. Pia weiß das. Jeder weiß das.

Dennoch steigt Anna wie in einem perfekt einstudiertem Theaterstück in das Wortgefecht ein, jammert, macht Vorwürfe, wirft Pia die zahllosen Male vor, in denen Pia sie benutzt hat. Und dennoch  macht Anna es. Macht das, was sie nicht machen will. Macht das, von dem Pia weiß, dass sie – Anna – es haßt. Weil sie es einfach nicht aushalten kann. Sie kann diese lächerlichen Machtkämpfe nicht ertragen. Sie mag die Disharmonie nicht. Sie fürchtet sich vor Pias Tränen der Wut und der Enttäuschung, die unweigerlich fließen werden.

Trotzig wie ein Kind, mit einem demonstrativ missbilligend herunter gezogenen Mundwinkel macht sich Anna also zum wiederholten Male zu Pias Marionette. Sie wünscht sich so sehr, dass sie es irgendwann schafft, nicht mehr zum Spielball von Pias Manipulationen zu werden, die lediglich der Befriedigung von Pias Bequemlichkeit dienen. Anna weiß, dass sie irgendwann an dieser Thematik arbeiten und aufhören muss, sich benutzen zu lassen. Doch sie schiebt es – wieder einmal – beiseite.

Ich sag’s dir nicht gern – muss aber sein

Das was Anna immer wieder mit ihrer Schwester passiert, gibt es in 100 verschiedenen Varianten: Männer, die ihre Frauen manipulieren, Töchter, die ihre Väter für sich springen lassen, Kollegen, die sich erfolgreich vor allem drücken.

Einmal gegoogelt, kannst du 10 Standardgründe finden, warum du dich immer wieder so benutzen lässt. Ob das die Angst vor Ablehnung, der Wunsch nach Liebe und Anerkennung oder ein übersteigertes Harmoniebedürfnis ist. Gern muss auch Mutti herhalten, die immer so traurig geguckt hast, wenn du wieder einmal Widerworte hattest.

Wenn du weiter googlest, findest du auch noch Tipps, wie du aus dieser Falle rauskommst.

Bestimmt alles richtig.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Die halbe Wahrheit, die wir nur allzu gerne glauben, denn wir kommen ziemlich gut dabei weg, oder? Die Rollen sind klar verteilt. Auf der einen Seite ist unsere manipulative Schwester, Vater, Mutter, Kollegin, Hund, Katze, Maus. Eine unreife Persönlichkeit, die die Grenzen des anderen nicht respektiert. Die benutzt und negative Energie hat. Fast schon ein #Bewohner.

Auf der anderen Seite bist du. Ein guter Mensch. Ein Mensch, der weiß, was richtig und was falsch ist. Ein Mensch, der andere Menschen unterstützt, fördert und hilft. Okay, du hast da diesen klitzekleinen Luxusfehler: Du kannst dich nicht abgrenzen. Gibst zu viel, anstatt auch mal zu nehmen. Ein Fehler, der so sympathisch ist, dass er fast noch aufwertet.

„Ach, ich kann ja nichts dafür. Aber ich mag den anderen einfach nicht verletzen.Ich weiß, das ist falsch und ich arbeite auch daran. Aber er, sie, es tut mir einfach so leid.“

Dazu noch als kleine Kirsche obendrauf die Bewunderung der anderen für deine fast schon Heiligkeit.

Hach, mit so einem Fehler lebt es sich doch ganz wunderbar.

Du bist jetzt sauer mit mir. Ich weiß das. Ich halte das aus. Anna war auch erst furchtbar wütend, als sie diese fiese und natürlich auch überspitzte Wahrheit hörte. Doch die Wahrheit ist: Man könnte das alles auch so sehen. Wir können ja mal Pia fragen, ob die Sache für sie ebenso eindeutig ist wie für Anna.

Ganz sicher nicht. Und genau deshalb überspitze ich auch. Ich möchte, dass du dich einfach mal auf die Idee einlässt, dass dieses immer wiederkehrende Muster doch sehr viel mit dir zu tun hat und nicht so ausweglos sind, wie du es dir einredest.

Allzu gern denken wir, dass die immer wiederkehrenden Konflikte sehr einfach aufzulösen wäre, wenn der andere verdammt noch mal endlich sein blödes Verhalten erkennen und ändern würde.

Soll ich dir was sagen? Es ist vollkommen egal, wer welchen Anteil trägt. Das ist nicht dein Bier. Aber ich will dir zeigen, dass wenn du nur für fünf Minuten zulässt, dass ich Recht habe, du ein ganz fantastisches, weil leichtes Mittel an die Hand bekommst, dass dein persönlicher Affenzirkus einfach aufhört. Aber nur dann.

Du bist noch da? Auf geht’s.

Du, die Leitung ist so schlecht

„Hallo? Halloo?“

Hör es einfach nicht. Höre einfach nicht hin, wenn deine persönliche Pia dir wieder einmal eine ungeliebte Aufgabe übertragen will. Da die Pias dieser Welt auch in unserem immer gleichen Affenzirkus nur Affen sind, fragen sie dich nicht direkt. Brauchen sie auch gar, denn euer kleines Rollenspiel ist schon so einstudiert, dass du von allein – wenn auch mit verdrehten Augen – die ungeliebte Pflicht übernimmst.

Ein Beispiel? Wenn die Oma mal wieder zum Sonntagskaffee aus dem Pflegeheim abgeholt werden muss, sagt Pia wie immer, dass sie keine Zeit habe. Die Gründe sind egal. Gibt immer welche. Du weißt, dass sie es nicht machen wird und Pia weiß es auch. Bevor Pia überhaupt die Gründe genauer ausführen muss, sagst du schon in einem extra dafür vorgesehenen jämmerlichen Ton, dass es schon okay sei. Du stösst wütend hervor, dass du die Oma abholen wirst. Wie immer.

Kleine Fußnote: Hast du eigentlich schon mal gemerkt, dass dieser Ton ausschließlich  für Pia reserviert ist? Du kannst hier wahlweise einsetzen, wenn du willst. Ändert aber nichts daran, dass es einmeckernder, nörgelnder Tonfall ist.

Beim nächsten Mal sagst es einfach nicht. Du übernimmst einfach nicht die Aufgabe. Einfach so. Du hast keine Zeit. Keine Lust. Du gibst keine große Erklärung ab.

Und was danach passiert, ist nicht mehr dein Zirkus.

Ich verrate dir etwas: Wahrscheinlich wird gar nichts passieren. Pia wird sicher die Oma abholen. Oder auch nicht. Du machst dir einfach keine Gedanken.

Tu einfach so, als wenn du es das erste Mal hörst

Ich weiß, du hast jetzt viele Einwände. Einwände, die sich um die Oma oder deinen Mann drehen. Dinge, die passieren könnten. Aber das ist alles noch nie wirklich passiert. Das ist alles in deinem Kopf. Zahllose Male hast du dir ausgemalt was passieren würde, wenn du dich nicht kümmerst. Du bist dir sicher, dass es dann nicht klappt.

Das

„Ja, aber…“

ist fest in deinen Kopf asphaltiert.

Ebenso existieren die möglichen Einwände, die dein erprobter Sparringpartner dir entgegenschleudern könnte zum großen Teil nur in deiner Vorstellung. In deiner Vision, wie die Situation aussähe, wenn du dich nicht mehr kümmern würdest.

Das,  was du glaubst zu hören, ist nur in deinem Kopf. Du hast deine Geschichte. Vergiss diese Geschichte. Warte einfach ab. Sei nur passiv. Du hast deine Entscheidung getroffen und mitgeteilt. Du bist draußen. Also höre doch einfach auf, dir vorher alles auszumalen.

ES IST NUR IN DEINEM KOPF

Wenn ich Annas Schwester Pia das erste Mal ihre übliche Leierei ablassen hören würde, würde ich etwas anderes hören als Anna. Etwas anderes als du hörst, wenn du in deinem Gefühls-Karauseel steckst.

Du kannst darauf reagieren wie du willst. Du musst nicht das tun, was immer du bislang getan hast.
Ich weiß, es erscheint dir fast unvorstellbar einfach auszusteigen. Aber jeder der Pia das erste Mal hören würde, hätte kein Problem, freundlich, aber bestimmt seine eigene Position darzulegen.

Pias Problem ist halt auch dein Problem.

Frauen, Kinder und Opfer zuerst

Du magst deine Opferolle in den altbekannten Mustern fast  schon ein bisschen. Fast zärtlich schaust du dir zu, wenn du tust, was du tust, ohne es zu wollen. Wie harmoniedürftig du doch bist, du kleines Ding. Du schimpfst dich ein bisschen. Aber in Liebhaber-Manier. Du kannst eben nicht anders. Du bist die Klügere, du machst es halt. Für so etwas lohnt sich doch kein Streit.

Alle bewundern dich für deinen Großmut, deine Toleranz und dein Verständnis. Das ist ein gutes Gefühl. Wenn auch die Umstände stören. Aber es  ist ein gutes Gefühl gemocht zu werden, für das was du tust.

Aber würdest du auch so handeln, wenn du wüsstest, dass alle dich dafür ablehnen würden? Wie groß ist dein Bedürfnis anerkannt zu werden für das Gute, das du tust?

Würdest du genauso verständnisvoll sein, wenn niemand es wüsste? Wenn alle anderen deine Rolle anders beurteilen würden?

Menschen mögen es, gemocht zu werden. Und sie mögen es, ein bisschen Mutter Theresa zu sein: uneigennützig, großmütig und verständnisvoll, klug und geduldig. In diesem Eintopf aus Verhaltensmustern, dem Ur-Bedürfnis lieb gehabt zu werden und der Angst, was passiert, wenn  du einfach nicht tust, was du immer getan hast, ist es sehr schwer zu unterscheiden, was du tust, weil du es tun willst und es für richtig und gut hältst und was einfach ein lieb gewonnenes Verhaltensmuster ist, für du die Bewunderung deiner Hood bekommst. Du schläfst ein in dem Gefühl, dass du ein guter Mensch bist, der eine unfassbare, fast übermenschliche Geduld mit den anderen unvollkommenen Erdenmenschen hat.

Hallo, ich freue mich dich kennenzulernen

Ich verstehe dich, denn ich bin von deinem Stamm. Bin eher die Verstehende, als die auf den Tisch-Hauende. Doch ich weiß eines: Wenn du die ewig gleichen  Muster – schwarz und weiß – gut und böse – aufgibst, hast du die Chance den anderen wirklich kennenzulernen.

Fahr doch einfach die Karre an die Wand. Tue das,  was dir unmöglich erscheint. Sag einfach „NEIN“, wenn du nein denkst und gib die Kontrolle ab. Die Kontrolle, die du mit deinem Gutsein hast. Warum du diese Kontrolle bislang nicht aufgeben wolltest, weiß ich nicht. Doch in 99 von 100 Fällen geht es darum, dass du dein Fell retten willst. Die Kontrolle behalten willst.

Es ist doch alles gut so wie es ist: Du bist die Gute. Pia, Anton oder Xaver sind die Bösen. Du bist verständnisvoller, sie sind triebgesteuert und egoistisch.

Brich aus dem Muster aus. Probiere es. Ich verspreche dir etwas:

  • In den meisten Fällen passiert ….GAR NICHTS. Denn das Drama ist in deinen Kopf.
  • Du hast die Chance das erste Mal zu erkennen, dass du das Drama genauso liebst wie Pia & Co. Und das gibt dir Chance endlich frei aufzuspielen.

Die Opferrollen, die wir einnehmen, lieben wir – wenn auch bittersüß – fast genauso, wie der andere, der es sich in diesem Spiel scheinbar gut gehen lässt. Doch wenn du erkennst, dass ihr in einem gemeinsamen Spiel seid, einander wie die Tiere umkreist, wie in einem Rudel, die Rollen immer wieder neu verteilt werden, dann hast du Chance zu erkennen, dass jeder einzelne von euch die Chance hat die Rollenspiele zu beenden, wenn er es denn will. Denn wir sind niemals nur Opfer.

Also, sei einfach wild und sag nein und genieße, dass NICHTS passiert – außer das, was du dir wünschst.

Xoxo

 

Claudia

2 Comments

  1. Claudia, wie g…ist das denn. Du sprichst mal wieder alles aus, was wir uns nur trauen zu denken, wenn wirgaaaaaaaaaaaaaaaanz allein sind. Diese zart-bitteren Wahrheiten in Deinen Geschichten liebe ich so sehr Wir sind alle ein wenig Pia aber auf jeden zuviel Anna. Und ja, Du hast Recht, in den meisten Fällen passiert gar nichts. Dennoch erledigen wir die Dinge, weil…. und…..aber…. der andere (die Oma, der Vater, der Chef….blablabla) können doch nichts dafür. Egal welche, irgendjemandes Erwartenshaltung bedienen wir immer. Wir sollen lernen zu sondieren und uns einfach mal „piamäßig“ abgrenzen. Wir könnten ja mit etwas Harmlosen beginnen, z.B. das nächste Mal nicht den Typen mit nur einem RedBull in der Hand an der Kasse vorzulassen, obwohl wir auch nur eine kurze Mittagspause haben. Und wenn wir gefragt werden, wo wir sitzen möchten, nicht sagen: och, ist egal, sag mir wo ich hin soll. Deal? Dein Mindset-Ninja Elke

    1. Liebe Elke,

      das ist ein perfekter Deal. Du bringst es sehr gut auf den Punkt gebracht: Es geht nicht nur darum, bei den großen Dingen auch mal klare Kante zu zeigen. Sondern auch im Kleinen – nein, gerade im Kleinen, können wir sehr genau sehen, dass wir uns nur allzu leicht zurücknehmen. Genau, denn der Kerl an der Kasse könnte ja denken, dass wir eine Dumme Kuh seien.

      Jo, genau das bin ich dann auch mal. Und zwar sehr gern.

      Genauso gebe ich auch. Viel und freimütig und voller Lieber.

      Aber eben auch mir selbst.

      Dein warmes, liebevolles Lob lassen mich ganz selig und happy zurück.

      Liebe Grüße

      von deinem Ninja der Woche 😉

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