Handtasche
Deine klar definierten und hoch gesteckten Ziele hindern dich daran glücklich und zufrieden zu sein.
 
Bei meiner süßen, virtuellen  Anna läuft’s. Sie hat in den letzten Monaten hart an ihrem Erfolgsmindset gearbeitet. Anna hat alles getan, was notwendig ist, um erfolgreich zu sein. Eine Strategie mit smarten Zielen entworfen, inklusive Umsatzzahlen. Sich coachen lassen  bis zum Abwinken, gute Literatur verschlungen, Erfolgsarbeitsgruppe, pipapo.
Es funktioniert. Jetzt hat Anna das erste Mal die Umsatzmarke von € 10.000 monatlich geknackt. Nun tanzt sie in  ihrem Office, hat die Musik bis zum Anschlag aufgedreht und freut sich auf den Champagner, den sie später genießen wird. Die biochemische Keule schlägt voll zu und sie ist pumped.
Am nächsten Morgen wacht Anna auf und wundert sich. Wo ist das Lächeln, von dem sie erwartete, dass es sich in ihrem Gesicht für immer einzementiert? Wieso ist das Glücksgefühl über ihren Erfolg, über das Erreichen des unfassbar großen Ziels, nicht alles überstrahlend?
Was Anna tatsächlich fühlt ist eine Art Leere.  Der Adrenalin-Kick ist verflogen. Der Morgen nach der Party. Die Endreinigung. Der emotionale Kater.
Später sitzt Anna im Büro, immer noch ein wenig niedergeschlagen, nein, das trifft es nicht. Sie fühlt sich etwas leer und orientierungslos. Deshalb feilt sie umgehend an neuen Zielen.

Immer auf der Suche nach dem Kick 

 
Das, was Anna erlebt hat, ist die Leere nach dem Kick. Wenn du deine Befriedigung aus dem Erreichen von  Zielen erlangst, wirst auch du diese Leere kennen.
Sich Ziele zu setzen, kann dir helfen. Zielsetzungen können dich pushen und motivieren. Gerade zu Beginn, wenn du erstmals voller Staunen anfängst, das Wünsche-Land zu verlassen. Wenn du dir nicht nur wünschst mehr Geld, mehr Erfolg und überhaupt  ein besseres Leben zu haben, sondern wenn du dir das erste Mal messbare Ziele setzt. Wenn du erkennst, dass du aktiv werden und beeinflussen kannst, wirst du eine Art Offenbarung erleben.
Du gibst deinem Ego die Erlaubnis groß zu denken. Du verschaffst  deinem Ich die Erkenntnis, dass du die Macht dazu hast. Du realisierst, dass du gestalten und nicht nur reagieren kannst.
Diese Melange von nie Erlebten und sympathischen Größenwahn-Fantasien lässt dich sehr  selbstbewußt werden. Unglaubliches erscheint erreichbar. Weil du es willst und die notwendigen Mittel dazu hast. Und weil du Tschakka hast. Getragen von einer Welle des gruppendynamischen Gefühls, dass das Undenkbare realisierbar ist.
Wenn du wie Anna den Moment erlebst dein smartes Ziel erreicht zu haben, spürst du eine unglaubliche Freude, eine enorme Befriedigung, große Lust und kindliche  Begeisterung.
Die klaffende und verschlingende Leere danach folgt aber unausweichlich. Du hast die 10.000-er Marke geknackt? Okay, go for 15.000 Bucks. Du hast zwei neue Kunden gewonnen? Schön, meine Liebe. Im kommenden Monat müssen es drei neue Kunden sein.
Das Setzen von skalierbaren Zielen hat zwei Komponenten, über die du dir ganz klar sein solltest.
  1. Nach dem Rennen, ist vor dem Rennen. Das Erreichen des Ziels ist nicht die Endstation, sondern der Startpunkt. Du musst dir immer wieder neue Ziele setzen. Du musst immer wieder Druck auf dich ausüben. Vorsicht, Hamsterrad-Gefahr.
  2. (Hamsterrad, die II.):  Du musst deine Ziele regelmäßig höher stecken. Tust es nicht, kriegst du keinen Kick mehr. Klar würde es reichen um zurecht zu kommen, wenn du jeden Monat die 10.000 machst (vor Steuern, denk dran). Aber dieses wunderbare, machtvolle Adrenalin getränkte Gefühl bekommst du nur dann, wenn du das Ziel immer höher, immer wilder  schraubst.

Ähm, Entschuldigung, was ist denn, wenn ich mein smartes Ziel nicht erreiche?

 
Darüber meine Liebe, wird nicht so gerne geredet.
Denn leider ist es so, dass dadurch, dass du dir  knallharte, ans Größenwahnsinnige grenzende, mess- und überprüfbare, zeitlich konkretisierte Ziele gesetzt und diese nicht erreichst hast, feststeht,
dass du  ein Versager bist.
Nein, das sagt dir natürlich keiner. Denkt vielleicht auch keiner. Aber du wirst dich so fühlen. Du hast die verdammte schriftliche Zielerfassung mit fettem, schwarzem Eding geschrieben:
 
AUGUST: UMSATZZIEL EURO 10.000
 
Es sind nur knapp EUR 2.000 geworden. Die Niederlage brennt bitter. Von der Euphorie und dem Größenwahn vor einem Monat, als du das Ziel erfasst hast, ist nichts geblieben.
„Na super, nun habe ich es auch noch schriftlich, dass ich ein Versager bin.“

Fly me to the moon 

Du brauchst mehr,um wirkliche Erfüllung und Freude zu empfinden.
Es geht nur vordergründig um irgendwelche Umsatzzahlen, Häuser, Autos.  Das ist nicht der Grund warum du das tust, was du tust.
Vielmehr musst du dich fragen, was du wirklich erreichen willst, was du der Welt hinterlassen willst, mit dem was du tust.
Was wäre, wenn  du all das, was du materiell mit deiner Arbeit erreichen könnest, schon erreicht hättest?
2016: Umsatz vor Steuern EUR 7.000.000,00 (nur ein Beispiel, Gott bewahre)
Warum würdest du deine Arbeit trotzdem tun wollen? Nicht für den dritten Porsche oder die vierte Prada Handtasche. Das zweite Chalet in den Schweizer Alpen am Blauen See.
Es geht um mehr. Es geht um deine Mission. Um das, was du der Welt geben möchtest. Das, von dem du möchtest, an das man sich an erinnert, wenn du tot bist.
Das sind definitiv nicht die EURO 7.000.000,00.
Vielleicht möchtest du, dass man erinnert, dass du ein Visionär warst. Oder, dass du Menschen verbinden wolltest und konntest. Oder, dass du Liebe in die Welt bringen wolltest.
Deine Mission ist wichtiger als deine Ziele.  Das ist die eindeutige und die klare und die unumstößliche Wahrheit.

FAZIT

Ich will das Setzen von Zielen nicht verdammen. Es ist nett und hilfreich und es macht Spaß  ganz konkrete und messbare Ziele zu haben. Aber damit allein funktioniert es nicht. Die Ziele sind nur wie  ein kleiner Kickstarter,  um dir  – wenn nötig – einen Tritt zu verpassen, um  loszulegen.
Definierte Ziele sind darüber hinaus  eine nette Gelegenheit, wenn du einen kleinen Turbolader brauchst, weil sich  sonst eine gwisse Langeweile breit macht.
 
Das Erreichen deiner Ziele ist jedoch  nicht das, was dein Glück ausmacht. Das Tun ist viel wichtiger als das Ergebnis. Wenn du tiefe Befriedigung empfindest bei dem was du tust, dann du bist sehr nah an deiner Mission.
Und das ist viel wichtiger als smarte Ziele. Denn wie oft ist es so, dass das, was du vor 10 Jahren für großartige Ziele gehalten hast, heute –  10 Jahre später –  bedeutungslos erscheint?
Take care und bleib glücklich
Deine Claudia

13 Comments

  1. Liebe Claudia,

    Danke für diesen wertvollen und ehrlichen Artikel. Ich finde, er trifft genau ins Schwarze und beleuchtet es :-).

    Liebe Grüße
    Emanuela

    1. Liebe Emanuela,

      danke für deine lobenden Worte. Ja, es ist wichtig Ziele als das zu entlarven, was sie sind ein Mittel zum Zweck. Eine Art spielerisches Instrument. Aber eben keine absolute Wahrheit.

      Liebe Grüße
      Claudia

  2. Liebe Claudia,

    Toller Artikel, wie immer . Danke!

    Hinter jedem Ziel steckt ein anderes und jedes Ziel hat immer nur ein Ziel: wir glauben, wir würden uns besser fühlen, wenn wir das Ziel erreicht haben. Endlich der 5-stellige Monatsumsatz, der Traumpartner, das Traumhaus oder die Traumreise. Oder ortsunabhängig Arbeiten.

    Wenn wir nicht geübt haben, glücklich zu sein, werden es die Ziele nicht schaffen, uns glücklich zu machen. Deshalb bin ich glücklich, genau hier und jetzt und freu mich auf meine Ziele.

    Mein Ziel für heute war 3 Videos zu produzieren. Meine Kinder sind im Zeltlager, mein Mann war Fahrrad fahren. Perfekter Tag. Ich hab 349 Versuche verworfen und kein einziges verwertbares Material erzeugt. Hmmmm… Trotzdem bin ich glücklich, ich kann sogar darüber lachen, wie hartnäckig ich es versucht habe und wie lange ich gebraucht habe, um es einzusehen, dass heute NICHT der Tag aller Tage ist .

    So what. Ziele sind toll, sie motivieren mich. Und glücklich zu sein ist eine Entscheidung, die ich meistens von den Zielen abkoppeln kann. Dein Beitrag bestätigt mich.

    Herzlichst
    Melanie

    1. Liebe Melanie,

      ein cooles Kompliment „…wie immer“. Danke dir sehr.

      Deine Sicht gefällt mir: Zu üben glücklich zu sein. Das ist wirklich total wichtig und auch machbar. Aber genau dieser Twist, den du beschreibst – Glücklichsein von den Zielen abzukoppeln – macht es erst möglich, Ziele spielerisch zu begreifen. Und dann auch – manchmal – zu lachen, wenn es nicht geklappt hat.

      Wahrscheinlich sind deine Outtakes sehr wohl verwendbar. Ein wenig anders vielleicht als gewünscht, aber sicher sehr amüsant.

      Liebe Grüße
      Claudia

  3. Liebe Claudia,

    das, was du schreibst, sollten sich viele UnternehmerInnen auf die Fahne schreiben. Du triffst den Nagel auf den Kopf.
    Ziele sind wunderbar um ins Tun zu kommen, ganz klar.
    Aber auch der Weg ist das Ziel und dort liegen schon viele Kleinigkeiten herum, für die man dankbar sein kann und die man geniessen sollte. Denn dann habe ich doch die Chance, mich von meinen eigenen Zielen nicht erdrücken zu lassen. Besonders, wenn ich sie vielleicht nicht ganz oder sofort erreiche.
    Das muss einem manchmal gesagt werden…so wie du es getan hast.

    Herzliche Grüße aus Münster 😉

    Sabine

    1. Liebe Sabine,

      Grüße aus Münster für die Münster – wie schön!

      Es freut mich richtig, dass dieser eine Punkt dich so stark anspricht: Sich nicht von seinen Zielen erdrücken zu lassen. Nein, das bedeutet nicht, planlos durch die Welt irren, sondern es bedeutet, Freude und Befriedigung schon auf dem Weg zu empfinden. Und der kann gerne höher und schneller sein – jeder wie er es braucht. Ich bin total bei dir, gerade Unternehmerinnen sollten daran arbeiten, dass sie mit Zielen spielen, aber auch glücklich sind.

      Ich danke dir sehr für dein schönes Feedback.

      Liebe Grüße

      Claudia

  4. „Melange von nie Erlebten und sympathischen Größenwahn-Fantasien“ – hinreißende Formulierung! Übrigens mag ich deine süße, virtuelle Anna wirklich sehr 🙂

    Wo es mich total „gerissen“ hat in deinem Artikel: Die beiden Komponenten die du beschreibst, 1. Nach dem Ziel ist vor dem Ziel und 2 – du musst sie höher stecken …da beschreibst du eigentlich Sucht und ihren Teufelskreis, den Kater danach und die Notwendigkeit, die Dosis immer weiter zu steigern, um denselben Effekt zu erreichen. Der Absatz würde wunderbar funktionieren, wenn du Drogenrausch einsetzt statt Ziel.
    Diese Sucht-Komponente beim „Höher-Schneller-Weiter“-Spiel war mir gar nicht so klar, danke für das Aha-Erlebnis!

    1. Liebe, liebe Stelle,

      ah…zurücklehnen und lächeln – so ist es, wenn ich von dir ein Feedback bekomme. Ein tiefempfundenes Dankeschön an dich.

      Ich werde das Kompliment an Anna, die Süße, weitergeben. Mir ist sie auch ans Herz gewachsen. Ja, diese Suchtkompente ist mir auch kürzlich erst so richtig klar geworden, als ich einen wirklich fetten Auftrag gebucht hatte. Diese Leere nach dem Kick ist wirlich nur mit einem Drogenrausch zu vergleichen. Und das ist nicht erstrebenswert als Motivator.

      Liebste Grüße
      Claudia

  5. DANKE für diesen Artikel. Endlich fasst jemand in Worte, warum ich dieses „Ziele-Theater“ so mißtrauisch beäuge … gefühlt war das schon länger da: ja, was mach ich denn, wenn ich das Ziel erreicht habe ?? Gehts mir dann besser? Und: für wie lange ??
    Das kenne ich noch aus dem Angestellten-Hamsterrad: tolle Ziele werden vorgegeben, die leider schon morgen niemanden mehr interessieren. Nicht so wirklich erstrebenswert …

    Übrigens läßt „meine“ Anna Deine Anna herzlichst grüßen … sie möchte jetzt auch gefälligst mit „süß“ beschrieben werden 🙂

    1. Liebe Frauke,

      yes! Geht’s dir besser, wenn du das Ziel erreicht hast und wie lange? Da Geld ist ein Mittel und keine Gefühl. Das heißt du machst ein total bescheuertes Hamsterrad, selbst gebaut und freiwillig. Aber das ist ein echter Hype momentan. Ist auch ein nettes Tool, aber auch nur dann, wenn du es mit ein bisschen Distanz und Ironie angehst.

      Ich freue mich so sehr, dass du den Artikel magst. Vielen, lieben Dank für deine Worte.

      Und grüß deine Anna ganz herzlich zurück. Aha, deine Anna stellt auch Forderungen. ich beobachte mit Unbehagen, dass Anna ein immer stärkeres Eigenleben bekommt. Ich werde mir mal deine Anna anschauen die Tage. Bin sehr gespannt.

      Liebe Grüße
      Claudia