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Klugschnacken können auch virtuelle Ratgeber. Und zwar besser als das menschliche Vorbild.

Die aktuelle ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“, die furios mit einem Bremer Tatort gestartet hat (YES! – meine Heimat – meine Hood),  hat die Saat zum Explodieren gebracht. Die Saat, die in Anna schlummerte.

Anna fegt abrupt und voller Wut mit einer brachialen Armbewegung sämtliche Papiere  vom Schreibtisch.  Sie atmet schwer, versucht sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Einatmen-ausatmen-einatmen-ausatmen. Anna hat es so satt.

Sie hat es satt zu lesen, zu hören und intravenös verabreicht zu bekommen, was sie braucht, was sie lassen muss, was sie einfach nur in ihren Alltag implementieren muss, um easy und nebenbei ein besserer Mensch, eine erfolgreichere Unternehmerin und die beste Mutter aller Zeiten zu werden.

Shut up.

Sie hat es satt, diese unisono im samtweichen Gleichklang daherkommenden Botschaften zu hören, die ihr vermitteln, dass es im Grunde nicht viel braucht. Sie soll es einfach umsetzen. Be better, be efficient, be sucessful.

„Du tust es nicht? Na ja, dann willst du es wohl nicht wirklich. Suche dir das richtige Ziel,  wende die passende Technik an und dann läuft es.“

All das hat Anna so  satt.

Annas Ausbruch und die ARD Themenwoche haben mir bewusst gemacht, dass Teile einer Branche dabei sind, sich selbst überflüssig zu machen. Die immer gleichen Ratschläge, die von einem virtuellen Ratgeber zu kommen scheinen, so monoton und stumpf werden sie wiederholt. Denn welcher echte Mensch würde diese hohlen Botschaften ununterbrochen wiederholen, wo doch klar ist, dass  sie jenseits dessen liegen, was deine und meine Realität ist?

Wenn es so einfach wäre, würde es jeder machen

Anna, du und ich wissen verdammt noch mal sehr genau, wie man 5 kg abnimmt, täglich noch vor dem Duschen Yoga macht und immer in sich hineinhört, reflektiert und nachdenkt, bevor man sachlich und fundiert argumentiert.

Die Wahrheit ist, du brauchst keinen Ratgeber, der dir sagt, wie es geht. Tatsächlich ist die eigentliche Arbeit nicht die Erkenntnis dessen, wie es richtig geht, sondern der Weg, der danach folgt. Und der lässt sich nicht –  husch husch – nebenbei gehen. Es ist ein langer Weg. Ein Weg der Akzeptanz und des Erkennens. Ein Prozess des Akzeptieren, des Scheiterns und des Dranbleibens.

Wir fühlen uns dann abgeholt, wenn da jemand ist, der aussspricht, dass da ein Weg ist. Ein Weg, der wie ein Bergbach durch einen dichten Wald vor sich hinmäandert. Wir kommen von ihm  ab. Straucheln. Verlaufen uns. Krabbeln durch das Unterholz mühsam wieder zurück auf den Weg. Stehen auf, streifen den Schmutz des Waldes ab und gehen ermattet weiter auf unserem Weg.

Und dann ist da plätzlich wie aus dem Nichts eine Bank auf einer Lichtung mitten im  Wald. Die Sonnenstrahlen brechen durch das Laub der riesigen Bäume. Es sieht magisch aus. Auf der Bank sitzt es sich warm und bequem. Der Bach plätschert leise  und friedlich dahin.  Selbst das Zwitschen der Vögel wird gedämpft durch das dichte Blätterdach.

Wer würde weitergehen, wo es hier so schön und friedlich ist?

Nur ein Narr!

DAS ist es, wie wir ticken. Da wo es bequem und einfach ist, bleiben wir gern einen Moment länger.  Auf dieser Seite des Garten ist das Gras zwar nicht grüner, aber wir kennen es.

Das optimierte und klare Wissen darüber,  wie wir ein Ziel erreichen können, reicht allein nicht aus. Wenn es reichen würde zu wissen, dass  120 crunches morgens und abends  an 77 Tagen hintereinander einen Traumkörper modellieren, wäre ich optisch längst tumb raider. Meine Realität ist jedoch: Ich weiß, wie es geht und gucke DENNOCH etwas frustiert auf meine Orangenhaut.

Denn zwischen dir und deinem Ziel liegt das Leben. Das Kind, das über Nacht Grippe bekommen hat und gefühlt 100 helfende Hände braucht. Oder das Gefühl, kaum die Augen offenhalten zu können, weil der Hund die ganze Nacht Durchfall hatte. Oder  die Erschöpfung nach einem Tag, an dem im Office nichts rundgelaufen ist. All das kommt dazwischen.

Und genau in diesem Moment bist du bei Anna und fegst all die Ratgeber vom Tisch. Und du machst es richtig, Süße. Denn ja, wenn du eine furchtbare Nacht  hattest, gibt es diesen Moment in einer Art  Zwischenreich, du steckst fest und überlegst, was du tun sollst. Du liegst  im warmen Bett,  todmüde. Vielleicht weint aber schon wieder ein Kind, Hund, Katze, Maus  nach dir.

Du denkst daran, wie du deinen  Morgen geplant hattest: Dein Morgenritual, etwas Yoga, meditieren, fokussieren, strammer Waldlauf…

Enttäuscht über dich selber, wütend und irgendwie auch ratlos, lässt du die Vision deines idealen Morgen an dir vorbeiziehen und schmeißt die Kaffeemaschine an.

Dieses Gefühl des Loslassen  eines festen  Vorsatzes ist unbeschreiblich. Wie ein kleiner Tod.

„Ich schaffe es nie.“

Dein Ziel  erscheint dir sinnlos. Für dich passt es einfach nicht.

Und dann fühlst du die Last aller 100 oberschlauen Ratgeber, die du gelesen hast.

Du fragst dich, warum  es die verdammte Mutter von sieben Kindern, mit dem todkranken Vater, dem Job in der Führungsetage eines DAX notierten Unternehmens, auch noch schafft Plätzchen zu backen und hübsche Fotos davon zu posten.

Weil es genau so nicht ist!

Aber eine ganze Branche will es dich glauben machen.

„Wenn du dich nur genug anstrengst, konzentrierst, fokussierst, dann funktioniert es!“ – Die Klugschnacker-Fraktion

Genau das ist der Moment an dem sich die Wege trennen. Der Moment, in dem der Ratgeber einer von vielen nicht beendeten Büchern auf deinem Nachttisch bleibt. Voller Euphorie und einem Gefühl des Erkennens hast du die ersten 100 Seiten verschlungen. Aber irgendwo auf dem Weg  hat dich der Autor verloren. Du bist ihm verloren gegangen an dem Punkt, als dich die  Scham ergriff ein Versager zu sein.

Was auch immer deine Lebensrealität ist, wenn der Klugschnack des Tages kommt, verliert ihr euch. Und dann werden die Ratgeber, die Propheten, die Helfer, die Coaches austauschbar. Denn let’s face it: Niemand schafft es zu meditieren, wenn die Hütte am Morgen vom Hund vollgekotzt ist und die Garage unter Wasser steht.

Dann bist du einfach bei dem, der dich braucht. Du setzt Prioritäten. Mit einem melancholischen Gefühl denkst du noch für einen Moment dran, dass es die Zeit deines Dankbarkeitsrituals war und putzt den Boden.

Sista, I need you

Selbstverständlich brauchen wir alle in dem Trott,  in dem wir uns bewegen, den Katastrophen, die uns überfallen und die einfach Leben heißen, Inspiration und Impulse. Aber wir möchten in unserer Realität  abgeholt werden und dann gemeinsam zum Mond fliegen und eine Delle ins Universum schlagen.

Das stumpfe Einbläuen von werbewirksamen Botschaften, deren Erfüllung wir nie schaffen,  ist nicht hilfreich, sondern schadet.  Tatsächlich könnte ich mir auch einen virtuellen Charakter anschaffen, der mir unempathisch sagt, dass ich mich einfach nur genug fokussieren muss. Für Botschaften dieser Art brauche ich keinen menschlichen Ratgeber.

Was wir brauchen, sind Ratgeber und Unterstützer und Wegbegleiter, die uns da abholen,  wo wir  sind. In unserem Menschsein. Die uns sehen. Und genau dann kann die Reise beginnen. Nicht immer einfach, nicht immer leicht. Aber von Mensch zu Mensch und ohne Limit.

Take care und bleib glücklich

 

Deine Claudia

 

 

10 Comments

  1. Großartig
    Vielen, vielen Dank für diesen Text.
    Er spricht mir aus der Seele. Dieser Drang des ständigen Perfektionismus und Dauer-Glücklichseins.

    1. Hallo liebe Kerstin,

      herzlich willkommen bei mir. Es freut mich riesig, dass ich dich emotional abholen konnte. Mit deinem Gefühl bist du nicht allein. Es gibt immer mehr Menschen, die feststellen, dass man auch mal auf die Bremse treten und nicht ständig besser, höher, schneller geht. Gut, wenn ich dein Gefühl in Worte erfassen konnte.

      Ich wünsche dir einen herrlich unperfekten Samstag Abend.

      Claudia

  2. Hallo Claudia,
    Danke für deine Worte- so gut – ich kann das mit Kop und Herz nur „abnicken“ und es tut mir gerade heute gut!
    Liebe Grüsse, Birgit

    1. Liebe Birgit,

      das ist der Grund, warum ich jeden Tag nur, was ich tue: Wenn ich anderen Menschen im genau richtigen Moment das gebe, was sie brauchen. Freut mich, wenn ich deinen Tag besser machen konnte.

      Herzliche Grüße

      Claudia

  3. Genau diesen Beitrag habe ich gerade gebraucht: Heizung kaputt, Mann auf Geschäftsreise, Kollegin im Büro krank, Kinder schulfrei wegen Lehrerfortbildung and so on…DANKE

    1. Hey liebe Eva,

      es gibt einfach diese Tage (Wochen, Phasen…), an denen man denkt, dass es einfach zu viel ist. Dann ist es gut, wenn man einen direkten Draht zu einer Wohlfühl-Insel hat. Ich freue mich sehr, dass ich deine Insel sein konnte. Ich hoffe, dass die Kinder wieder zur Schule gehen, der Mann zurück und die Kollegin wieder gesund ist 😉

      Auf bald und liebe Grüße

      Claudia

  4. Liebe Claudia,

    ja! Ja!
    Wenn ich sowas lesen darf, dann singt mein Herz, verdammt nochmal.

    Genau darum. Und genau dafür!

    Auf das Mensch sein!

    1. Yes, liebe Regina, auf das Menschsein!

      Es ist mir ein Genuß, wenn ich dein Herz zum singen bringen konnte. Danke dir.

      Und es geht nicht nur uns so. Es nervt einafch, wenn Dinge, Tipps & Co. nicht helfen, sondenr einfach nur den Druck auf dich erhöhen.

      Ganz liebe Grüße

      Claudia