Warum tust du so, als wenn du die Antwort nicht kennen würdest? Warum verscheißerst du dich und spielst die Ahnungslose?

Ich weiß, du bist dir dessen nicht bewusst. Ich weiß das, weil ich es kenne. Nur allzu gut kenne. Doch eigentlich wissen wir, dass wir die Antwort kennen. Wir kennen die Antworten auf all die Fragen, die uns quälen.

Immer wieder treffe ich Frauen, die ratlos sind, wenn es um die elementaren Fragen in ihrem Leben geht.  Berufliche und familiäre Entscheidungen. „Was soll ich nur tun? Ich weiß es auch nicht…“ Die Fragen werden hin und her gerollt, wie kleine Mistbällchen vom Skarabäus. Türmen sich immer weiter auf. Werden  irgendwann zu enorm großen Bällen. Du fühlst dich wie der kleine Käfer, der hinter den Kugeln kaum noch zu sehen ist. Er selbst sieht schon lange nicht mehr, was hinter den Mistkugeln passiert. Der sieht nur die Mistbälle, die immer größer werden. Immer größer. Und er dreht seine Kugeln. Immer weiter.

So geht es gerade meiner süßen Anna.  Eigentlich ist alles perfekt, so wie es ist. Nein, eigentlich ist es nicht unbedingt  perfekt. Doch was ist schon perfekt? Aber alles alles abgestimmt, feingetunt, miteinander verzahnt: Annas Business, der part time Job (ya know Kohle, Rentenversicherung und all der Krams), die Kinder sind perfekt in ihren Tag integriert, genau die richtige Mischung zwischen Selbstständigkeit und Nestwärme, Haushalt usw.

Ach ja, fast hätte sie ihren Mann vergessen – der ist natürlich auch perfekt eingeplant. Du weißt schon Liebe, Vertrautheit und Sex und all das. Auch das gehört zur sensibel und fein  austarierten, minutiös abgestimmten Work-Life-Balance. Sport und Beauty sind selbstredend auch eingeplant. Du weißt schon, der perfekte Beauty-Happy-Body-und-Modus.

Okay, zu all dem könnte ich jetzt eine Menge sagen. Andere Geschichte, oder? Damit beschäftigen wir uns jetzt nicht.

Also, da ist diese  Ausschreibung für ein internationales Projekt. Es  geht um die Leitung eines großen Teams mit erfahrenen Experten für die Planung, Gestaltung und Ausführung eines bombastischen über 15 Hochhäuser übergreifenden, urbanen  Dachgarten. Ja, das Projekt ist arbeitsintensiv. Es ist auch angemessen  und wirklich hoch dotiert. Dieser Job wäre eine echte Stufe aufwärts in Annas Karriereplanung.

Okay, der Job wäre extrem arbeitsintensiv und räumlich nicht gerade auf der Platte um die Ecke. Doch auch das ist eine andere Geschichte, die Anna mit ihrem Mann besprechen wird.

Aber es wäre eine riesengroße Chance – in die richtige Richtung.

Anna tut das, was Frauen tun, wenn sie Entscheidungen zu treffen haben: Sie diskutiert mit ihrem Mann, sie heult und wägt ab mit ihren Freundinnen und insbesondere fragt sie sich selbst, was sie wirklich will. Was richtig ist.  Wieder und wieder. Pro und Contra Listen. Doch alles hilft ihr nicht weiter. Immer noch ist Anna jämmerlich in dem Modus, nicht zu wissen, was sie will.

Isso. Da kannste nichts machen

Das Abwägen der Sachargumente hilft Anna nicht weiter. Denn wir wissen, dass es  ein großes Spannungsfeld gibt für Frauen im Job. Da kann’ste gucken, wo du willst. Egal, welche Position, egal, ob mit Kindern oder ohne. Teilzeit oder Fulltime. Karrierejob oder Frittenbude.

Du hast Sachargumente abzuwägen. Doch das ist nie der Entscheidungspunkt, der dich quält. Du weißt, dass es nicht einfach ist und du kannst damit umgehen.

Anna weiß, dass sich eine Lösung finden ließe, egal welche Entscheidung sie trifft. Sie weiß, dass es um mehr geht. Sie möchte alles richtig machen. Anna möchte, dass alle glücklich sind und weiß nicht, wie sie das realisieren kann. Und sie  fragt sich. Gnadenlos dringt sie immer tiefer in sich und fragt sich nach der richtigen Lösung. Nach dem Weg, der Glück und Erfüllung bringt.

Doch sie kommt nicht weiter. Die Argumente heben sich auf. Anna diskutiert sie mit Oma. Spricht mit ihrer Soulsister. Sie guckt nach rechts und nach links.

Anna erkennt, dass es keine einfache Lösung gibt.

Anna bekommt es einfach nicht hin. Sie hängt in Dantes Inferno fest. Ja, das ist übertrieben. Doch sie hasst diese Entscheidungslosigkeit. Diese Unfähigkeit, die nächsten Schritte festzulegen. Und so wie Anna geht es uns allen. Von Zeit zu Zeit.

Denn eigentlich ist alles doch ganz klar:

Es gibt etwas, das eine echte Herausforderung für dich ist, zu dem dich jedoch nicht entschließen kannst. Du traust dich einfach nicht. Du hast Angst.

Lüfte den Vorhang zu deiner limbischen Ur-Suppe

Was ist der Grund, dass du nicht tust, was du großartig kannst?

Was hindert dich daran? Deine Familiensituation ist nicht schwerer, schlimmer oder festgefahrener als die von anderen Menschen.

Es ist also niemand da, dem wir sagen können, dass es dir objektiv schlechter geht als Susi S. und Lena L. Wir können niemandem die Schuld geben. Mutti nicht, dem Göttergatten nicht, nicht der Gesellschaft und auch nicht dem Mitbewerber.

Also warum nicht einfach schauen, was wirklich für dich geht? Ist es wirklich alles so schwierig? Schwieriger als bei anderen? Oder wäre auch für dich alles machbar? Und wenn ja, was hält dich ab?

Anna kann diese Frage trotz aller Argumente nicht beantworten. Sie weiß es einfach nicht. Es fühlt sich einfach nicht richtig an, sich dort zu bewerben, Sie möchte den Stress nicht. Sie möchte auch mal in Ruhe mit den Kindern Ostereier bemalen, Kuchen backen, Oma besuchen. Sie möchte nicht nur im Stress durch ihr Leben rasen.

Bevor ihr jetzt aufschreit: Es muss nicht jeder Karriere machen. Es ist vollkommen okay Tomaten anzupflanzen, Kinder mit viel Zeit und ohne den Stress einer Doppelbelastung großzuziehen. Darum geht es auch hier nicht. Was auch immer das Lebensmodell ist, das du dir wählst, ist wunderbar in Ordnung. Wenn du das Leben lebst, das du leben willst, finde ich das großartig. Und es freut mich unendlich für dich,  wenn du glücklich bist in deinem Leben.

Es geht jedoch um die Menschen, die in einer Situation feststecken, die das Gefühl haben, nicht zu wissen, was das Richtige für sie ist. Die in ihren Gedanken schwanken wie ein Haufen Blätter, der vom Wind durcheinander gewirbelt wird. Die den Umständen die Schuld zuschreiben, weil sie nicht dort sind, wo sie sein möchten.

Himmel, was muss ich jetzt tun?

Diesen Menschen möchte ich sagen: Warum sieht Anna, warum siehst du nicht das, was ich sehe? Was jeder andere sieht.

Du musst keine Antwort auf diese Frage haben.  Das Unterbewusstsein erledigt das für dich. Es will nur, dass du siehst. Dass du die Ratlosigkeit wahrnimmt und erkennst. Es will das du Fragen stellst. Die Antworten liefert dir dein Gehirn.

Probiere es mal aus. Dein Gehirn liefert immer eine Antwort.

„Welcher Monat ist es?“

„Vermisst du deinen Vater?“

„Wie verbringe ich am besten ein Sabbatjahr?“

Welche Fragen auch immer du stellst, dein Unterbewusstes liefert. Wenn du dich traust hinzusehen und die schamhaft verborgene Wahrheit zu erkennen, hast du den Marathon  schon fast geschafft. Der Damm ist gebrochen. Du kannst mit Freunden oder Fremden, Experten oder Laien reden, dir Rat einholen, nachdenken, überlegen, abwägen. Die Omertà, die sizilianische Macht des Schweigen, ist gebrochen. Die fiesen Stricke der Scham können dich nicht mehr daran hindern, eine Lösung zu finden. Denn du hast gesehen.

Du kannst dich zurücklehnen. Du hast die Dinge angestoßen. Es gibt kein Zurück mehr. Du wirst sehen, du wirst Antworten bekommen, du wirst entscheiden.

Ja, ich weiß, es erscheint zu leicht. Doch in dem Moment, in dem du dir deine Angst, deine Scham, deine Furcht nicht zu können, zu genügen oder zu wissen, eingestehst, wird alles auflösen. Der Moment, wenn du die Maske und  Mühsal der vortäuschenden Ahnungslosigkeit fallen lässt, wenn du dir eingestehst, dass du nicht ahnungslos bist, sondern dass du die Antwort kennst. ist wie ein Urknall. Es wird sein, als wenn alles in dir nur darauf gewartet hätte, dass du diese Scharade beendest, dieses unwürdige Schauspiel, dessen Ende, jeder außer dir schon kennt.

Der Moment, wenn du dir eingestehst, dass du dir nur eingeredet hast, die Antwort nicht zu kennen, wird dein Durchbruch sein. Du wirst mit unbeschreiblicher Erleichterung und Leichtigkeit die Schritte gehen, die notwendig sind.

Denn nicht die Schritte sind schwer für dich. Du bist so viel stärker als du denkst. Die Mühsal, vor dir selbst die Antwort geheim zu halten, hat dich ermüdet, gequält.

Nun ist alles offengelegt. Die Wahrheit der Scham. Das Bekenntnis der Unvollkommenheit. Das Eingeständnis der Ratlosigkeit. Alles. Fein aufgefächert. Verletzlich nackt auf dem hölzernen Tisch der Geständnisse.

Und der Druck verliert sich. Du fühlst dich leichter. Du siehst die Möglichkeiten.

Jetzt ist alles möglich. Du gehst den Weg oder auch nicht. Doch die Entscheidung ist jetzt wirklich deine Entscheidung.

xoxo

 

Deine Claudia

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