Die Suche nach dem Perma-Glück nervt!

Das, was als sinnstiftender Mindshift begonnen hat, endet oft in einer frustrierten und katzenjämmerlichen Fruststimmung.

Doch lass mich dir erzählen, was passiert ist. Und zwar Anna, meiner süßen, virtuellen Freundin, die für alles herhalten muss, wo ich nicht die Hosen runterlassen will.

Anna schlägt die Augen auf. Aufschlagen ist übertrieben, sie klimpert sich mit müden und etwas nervösen, noch ganz schwachen, schmetterlingsgleichen Augenaufschlägen aus dem Traumreich in die reale Welt zurück. Wie jeden morgen dreht sie den Kopf zur Balkontür, nimmt die Dunkelheit wahr, die schon von den bläulichen Streifen der Morgendämmerung durchzogen wird.

Anna ist irritiert. Sie wartet. Sie wartet auf das sanfte, müde und leichte Lächeln, dass ihre Mundwinkel nach oben ziehen sollte. Dieses süße Morgenritual, dass sie so verinnerlicht hat, dass es einfach passiert. Einfach da ist. Diese ersten Minuten, die der Dankbarkeit für drei besonders schöne Momente des gestrigen Tages gewidmet sind. Anna tut normalerweise nichts, um dieses Ritual in Gang zu setzen, es passiert einfach .

Ya know: 66 days routine creates a habit.

Danach wird’s einfach wie Zähneputzen.

Anna begreift nicht was da passiert. Wie ein Außenstehender beobachtet sie sich selbst. Sieht, dass sich  ihre Mundwinkel nicht zu einem zarten, elfengleichen Lächeln nach oben ziehen….

(Na ja, ich übertreibe etwas: Sooo elfengleich sieht es nicht  aus; schließlich ist Anna nicht mehr  14. Doch so fühlt es sich für sie an.)

…stattdessen sieht Anna heruntergezogene Mundwinkel. Sieht ihre traurigen Augen.

Anna quält sich aus dem Bett. Sie schlürft mit müden Schritten ins Badezimmer. Die Schultern hängen. Sie ist müde und mutlos. Am liebsten würde sie direkt wieder ins warme Bett krabbeln und die ….na ja, sagen wir, nächsten  100 Jahre schlafen. Nie mehr aufstehen.

Müde, mutlos, traurig.

Fu*ck, was ist hier los? Anna ist doch mein alter ego und ich bin die Glücks-Mentorin, die Mrs Happiness und Erfolg und alles easy und wo ist die nächste Herausforderung? Warum hängt jetzt mein verdammter Mundwinkel und warum könnte ich einfach losheulen?

Perma-Luck sucks oder Felicità, mach dich vom Acker, ich hab schon genug  Sorgen

Ich wette 1:100, dass du das, was Anna passiert ist, kennst. Irgendwann wird dieses Perma-Luck-Ding zur Anstrengung.

Dein Wunsch, glücklich zu sein und deine ganz bewusste Entscheidung dafür, sind zu einem Teil von dir geworden. Was auch immer dir passiert, du versuchst es anzunehmen, es als Teil eines Ganzen zu begreifen. Du interpretierst anders als die anderen und bist bereit hinter das Vordergründige zu schauen. So wird aus einem manchmal nur nervigen Tag, etwas ganz anderes.

Diese Haltung ist dir nicht zugefallen. Da steckt die Veränderung eines ganzen kollektiven Jammer-Bewusstsein deiner Umwelt hinter. Du hast gelesen, hingeschaut, nachgedacht, begriffen und immer wieder dran gearbeitet.

Und heute bist du die Frau, die sich nach einem komplett aus dem Ruder gelaufenen Tag vor den Kamin mit einem wunderbaren Glas Rotwein setzt und sich einfach entspannt. Gerade weil alles schief gegangen ist. Weil du begriffen hast, dass du für dich sorgen musst. Und es auch kannst.

Irgendwann wurdest du jedoch so sehr Miss Happy Sunshine, hast diese Glückshaltung so intellektuell verinnerlicht, dass sie zu etwas Eigenem mutiert ist. Wie eine verzogene Göre will sie immer mehr. Oder wie eine Raupe Nimmersatt hat sie nie genug. „Mach mich glücklich. Los, du kannst es doch. Sei nicht jämmerlich . Nicht eine Minute. Ich will happy sein. Happy. HAPPY!“

Du rennst und machst und tust um diesem Anspruch zu genügen. Zack zack, also nochmal deinen Traum visualisieren. Dankbar sein. Dir selbst genügen. Frei sein, von negativen Emotionen als Reaktion auf die hinterlistigen Aktionen anderer. Unabhängig von Erfolg. Gleichgültig  gegenüber der Kritik anderer. Einfach eins sein mit dir. Glücklich sein. Vor allem glücklich sein.

Doch weißt du was? Du rennst der falschen Gottheit hinterher. Der Anspruch Dauer-Happy zu sein ist verdammter Mist. Er macht dich nicht frei, sondern ist ein neues Hamsterrad. Die Vorstellung jede einzelne Minute des Tages glücklich sein zu müssen, ist wie die Idee 24/7  Marathon zu laufen. Du kannst diesen Lauf nicht gewinnen. Denn du bist mehr als die Summe deiner Glückshormone.

Doch das wird bei der ganzen Glücks-Duselei verschwiegen. Irgendwann geht es dir dann wie Anna. Erschreckt und beschämt wirst du sein, wenn du deine Unzulänglichkeit zum Perma-Glück erkennst.

Musst du aber nicht. Denn zu glauben, du könntest immerzu eine zufriedene, glückselig  lächelnde, madonnengleiche und indirselbstruhende, gelassene Frau sein, ist so, als wolltest du einen Flickflack nach dem anderen springen. Immer weiter, ohne Pause.

Lass einfach diese Idee von dauerhafter Felicità fallen.

„Mach dich vom Acker, du kleine Raupe Nimmersatt.“

Denn dir muss niemand sagen, wie du dich zu fühlen hast. Schon gar keine moralinsaure, den Zeigefinger hebende, Über-Ich Ego-Ziege aus dem Inneren.

Was zum Teufel ist eigentlich Glück?

Es kann doch nicht darum gehen, einer inneren ständig Glück anmahnenden Ego-Ziege zu genügen.

Dieser Wunsch glücklich zu sein ist dein Wunsch. Vielleicht auch entstanden als Kontrapunkt in einer Welt, in der schlecht drauf zu sein, Probleme zu wälzen, klagend anzuklagen und nie zufrieden zu sein, längst zum Status Quo geworden ist.

Doch hinter diesem Wunsch nach Glück steht nie der Wunsch nach Eindimensionalität. Nach Gefühlseinheitsbrei und Dauerhochspannung.

Denn das würde bedeuten, das Glück lediglich einen State of mind meint. Einen Gefühlszustand. Eine emotionale auf den Moment bezogene Hochspannung mit extremer Freude. Schmetterlinge. Adrenalin. Unbändiges Lachen. Kreischendes Jauchzen.

Ja, das gibt es auch. War schon mal da. Fahr ich auch gern mal wieder hin.

Doch es geht um viel mehr bei dem Streben nach Glück. Es geht um ein umfassendes Lebensglück. Um eine dauerhafte Zufriedenheit mit mir und meinem Leben. Um heißen Tee und tiefe Beziehungen, um echtes Lachen und wildes Tanzen, um Demut und Wohlfühlen. Um das Gefühl auf dem richtigen, auf meinem Weg zu sein. Meine Lebensziele zu kennen und in die richtige Richtung zu gehen.

Ich sammele meine Glückserfahrungen in mein Körbchen. Große und kleine. Momente des Glücks, die mich sprachlos machen, wie diese ganz besonderen Momente in der Liebe, die an manchen Tagen wie kleine Wunder daherkommen und dich so glücklich machen, dass dir Worte fehlen, um diese Erfahrung zu beschreiben. Oder das Gefühl der Erfülltheit durch einen Brief von einem geliebten Mensch, der dich spüren lässt, wie schön es ist, dass es dich gibt. Aber auch die kleinen Momente, wie der perfekte Weißwein auf einer Terrasse bei herrlichem Sonnenschein und von lachenden Frauen umgeben.

Ich packe sie alle hinein. Jeder Moment kriegt seinen Platz. So wächst mein Glückskonto immer weiter. Der Korb wird immer voller. Ich muss schon stopfen, um noch etwas unter zu bekommen.

Auf diesem Weg, der nicht nur auf mich, sondern auf etwas Größeres, auf etwas Gutes bezogen ist, darf ich auch Wutanfälle haben, traurige und mutlose Tage, Unsicherheit und Zweifel. Sie sind Teil des Prozess. Ich liebe sie nicht. Oh, no. Aber kommt ruhig rein, Leute. Ich weiß, es geht nicht anders.

Ich muss nicht in jedem Moment meines Lebens glücklich sein, um wirklich und wahrhaftig glücklich zu sein.

Denn Glück ist mehr als dieser Moment.

Glück, das ist alles zusammen

Die Neurologie des Glücks ist kompliziert.

Darum lass den Braunen, deinen vertrauten Gaul, einfach mal ein bisschen traben. Lass die Zügel los und vertrau der süßen Rosinante und reite gemeinsam mit ihr in den Sonnenuntergang. Lass einfach passieren, was passiert.

Kein Druck, kein Stress.

Du musst nicht 24/7 mit einem dümmlichen Dauergrinsen unterwegs und glücklich sein. Denn das wahre Glück ist, wenn du akzeptierst, was gerade ist. Und manchmal ist das eben auch die heulende und traurige Anna. Mit dieser Großzügigkeit dir selbst gegenüber nimmst du den verdammten Druck aus dem Kessel, den eine regelrechte Happiness-Goldesel-Welle über uns gebracht haben.

Du musst einfach nur du sein.

Das ist immer genug und wahres Glück.

 

Deine Claudia

 

6 Comments

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Manchmal nutzt es zwar „fake it until you make it“ zu praktizieren, jedoch nur so lange und nur dann, wenn es nicht zur Dauereinrichtung gedacht ist. Denn auch wenn die Chemie in diesen „gespielten/produzierten“ Augenblicken „stimmt“, so ist es doch ansonsten nur ein leeres Gefühl – und ich glaube mir dieses „falsche“ Gefühl irgendwann eben doch nicht mehr. Und was gibt es Schlimmeres, als mir selber nicht mehr zu glauben?
    Schöner Artikel. Danke für Dein „erinnern“.
    Lieben Gruß und ein „strahlendes Lächeln“ von mir
    Elke

    1. Liebe Elke,

      absolut. Wenn du dir selbst irgendwann nicht mehr glauben kannst – das ist der super GAU. Und deshalb immer hingucken. Okay, nicht immer, vielleicht gibt es den einen Tag, wo man echt die Nase voll hat und lieber faket, aber morgen, morgen schauen wir dann wieder hin.

      Liebe Grüße und glücklich über deine Worte lachenden Worte

      CLaudia

  2. Auf den Punkt gebracht. 🙂 Auch wenn ich manchmal mit meinem Leben hadere, mal traurig oder demotiviert bin – ich bin doch glücklich und finde mein Leben sau-geil!

    1. Danke Arleta. Wenn du das schaffst, dann hast du richtig viel geschafft. Denn darum geht es doch. Auch hingucken, wenn es nicht rosarot ist.

      Ganz liebe Grüße

      Claudia

  3. Dauer-glücklich ist wie dauer-Sonnenschein in der Karibik. Irgendwann kotzt sie dich an und du sehnst dich nach Regen oder der „Christmas-Breeze“ (sie ist ein Witz. Es ist trotzdem unerträglich heiß).

    Gestern Abend Sonnenuntergang in Bayern. Die Landschaft lag im Nebel, die Stimmung war ganz besonders an diesem Wintertag. Ich freue mich riesig auf den Frühling, auf die Sonne und die Wärme. Ich kann keinen Schnee mehr sehen. Es wäre anders, wenn ich in der Karibik wohnen würde. Die Vorfreude wäre weg.

    Ich glaube der Wechsel ist viel spannender, als ein Dauer-Grinsen im Gesicht. Dauer-Miese-Laune wäre auch blöd ;-). Aber mal so, mal so, das hat was.

    Harfe spielen und pure Liebe sein – das ist der Job wenn wir wieder auf der Wolke sind. Wir haben inkarniert, um das ganze Buffett „Leben“ zu kosten. Und dazu gehören auch die fucking-Scheiß-Emotionen ;-).

    Rock ’n Roll Baby!

    Fühl dich gedrückt von Miss Sunshine herself (die extrem traurig sein kann).

    1. „Fühl dich gedrückt von Miss Sunshine herself (die extrem traurig sein kann).“

      Ein Satz, der ganz wunderbar das Leben einer Optimistin in Worte fasst. Danke, liebe Melanie. Denn natürlich kann es nicht darum gehen, irgendein Gefühl zu konservieren. Obwohl es schon sehr verlockend ist, wenn alles gerade geil ist. Natürlich sagt der Intellekt dann, dass jedes Gefühl gleich gut ist. Aber dennoch ist da der bittersüße Schmerz, wenn du z.B. nach dem perfekten Tag, die Banalität des Banalen spürst.

      Aber ja, je mehr wir miteinander teilen, dass eben auch der banale oder auch der verdammt schlechte Tag, einfach da ist, umso leichter fällt es, diesen zu begrüßen.Na ja begrüßen wäre übertrieben. Eher so: „okay, komm rein, wenn’s nicht anders geht. Setz dich hin und halt die Klappe. Ich nehme mir ja gleich Zeit für dich.“

      Ich drücke dich zurück und ich sehe dich spätestens beim GT

      Claudia