Um JA sagen zu können, musst du NEIN sagen.

Das ist nicht schön. Das ist sogar ziemlich hart und ausschließlich. Was auch immer du dagegen einwenden willst, es ist dennoch so. Unumstößliche Wahrheit. Bittere Realität. Klarer Wegweiser.

Anna sitzt mühsam lächelnd im Restaurant mit einer ganz lieben Freundin. Diese Freundin ist so wundervoll. Wie eine Schwester. Sie gehört zu Annas Leben. Diese Freundin erzählt sehr gern. Sie erzählt lieber als sie zuhört. Anna weiß das. Es nervt sie manchmal. Sogar sehr. Aber sie nimmt es hin. Denn – ach, nennen wir diese Freundin Eva – ist es wert. Doch in den letzten Monaten hat Anna das Gefühl, dass die Balance nicht mehr stimmt. Sie weiß alles von Evas Nachbarn, kennt deren Krankheiten, ist über die Familiengeschichten auf dem Laufenden, Geschichten aus dem Job. Es gibt keinen Bereich über den Anna von Evas Nachbarn nicht Bescheid weiß.

Doch Evas Nachbarn interessieren Anna nicht. Eva interessiert sie. Evas Gedanken. Evas Pläne, Wünsche und Erlebnisse. Anna spürt seit Monaten einen Widerwillen in sich aufsteigen, wenn sie Eva immerzu über Menschen reden hört. Wozu? Was soll das? Sie hat das Gefühl ausgesaugt zu werden von dieser Energiewelle des Nutzlosen. Es stört sie immer mehr, dass zugunsten Evas Litaneien über Hinz und Kunz immer mehr die wirklichen Gespräche weichen müssen.

Deshalb trifft sie  eine Entscheidung. Das muss aufhören. Sie will nicht gedanklich abschweifen während Eva vor sich hinplappert. Sie ist unzufrieden und sie will das artikulieren. Aus der Welt schaffen.

„Liebste Eva, ich will das nicht mehr hören. Es interessiert mich nicht. Es zieht mich total runter immer wieder Geschichten über Menschen zu hören, die mich nichts angehen. Ich möchte mit DIR reden.“

Ungläubigkeit, Entsetzen überzieht Evas Gesicht. Totales Unverständnis.

Ich weiß nicht, wie die Gespräche zwischen Eva und Anna weitergegangen sind. Doch was Anna getan hat, ist, ein eindeutiges und  unmißverständliches NEIN in die Welt zu bringen. Sie hat sich dieses kleine machtvolle Wort mühsam abgerungen. Hat wochenlang Diskussionen mit sich selber gefühlt. Abgewogen zwischen Frauen-Loyalität, Selbstliebe, das-kann-man-nicht-machen und ich-halt’s-nicht-mehr-aus. Nach diesem mühevollen, schmerzhaften und zähen Prozess des Abwägen, wusste Anna , dass dieses NEIN in die Welt musste.

Nein Sagen ist die Kunst der Auswahl

Du kannst nicht alles haben, alles machen und allen geben. Für alles,  für das du ein JA gibst, nimmst du anderer Stelle etwas.

  • Du erledigst für deinen Kollegen die Präsentation. Und dir fehlt die Zeit dein Profil auf Xing für deinen besseren Auftritt zu optimieren.
  • Du buchst jedesmal  die Flüge für die Mallorca-Reise mit deinen Mädels. Und dir fehlt die Zeit, dir den superspannenden Dokumentarfilm anzuschauen.
  • Du coachst deine Freundin für lau. Und dir fehlt die Zeit, deine Über-mich Seite anzupassen.

Es ist unmöglich, dass du alle Bitten, alle Aufforderungen, alle Angebote wahrnimmst. Ausführst mit deiner besten Qualität und Kompetenz. Mit der gleichen Begeisterung. Mit totaler Euphorie.

Du wirst wählen müssen. Unter allen JA’s, die man dir abluchsen will, hat sicher jedes einzelne seine Berechtigung. Für den, der dich fragt. Doch du wirst niemals alle bedienen können. Du musst unter diesem bunten Strauß an Bitten, Angeboten und Fragen eine Auswahl treffen. Welche Bitte willst du erfüllen? Wofür brennt dein Herz? Wer braucht deine Hilfe wirklich? Und wer will einfach nur etwas auf dich abladen, auf das er kein Bock hat?

Diese Fragen werden dir helfen, eine erste Auswahl zu treffen. Auszusortieren, was weniger wichtig ist. JA zu sagen, zu dem, was ein großes Echo bei dir auslöst. Ich weiß, alles in dir sträubt sich dagegen diese Auswahl zu treffen. Denn der Kollege ist doch so nett. Die Mädels-Reise ist doch schnell gebucht. Der Film wird doch bestimmt bald wiederholt. Das ist alles richtig. Aber du hast ein Problem mit dem NEIN sagen. Bei dir ist die Balance zwischen geben und nehmen nicht ausgewogen.

Wenn die Balance ausgewogen ist, brauchst du wirklich nicht weiterzulesen, denn dann sorgst du gut für dich. Wenn das aber nicht so ist, dann musst die Kröte schlucken:

Du musst auswählen, zu wem du NEIN sagst.

Hör auf, wie ein Bleichgesicht zu sprechen

Wie oft hast du in den letzten sechs Wochen JA zu etwas gesagt. Nett lächelnd. Versichernd, dass es kein Problem sei.

Und dann hast du Hause gesessen und dich bei deinem Mann beklagt: über die fordernde Nachbarin, die jammernde Kollegin, deinen charmanten Sportsfreund, der sich wieder mal erfolgreich gedrückt hat. Und wieder einmal fragt dich dein Mann/Freundin/Mutter/Kollege zu Recht, warum du es denn machst, wenn du keine Lust dazu hast?

Gute Frage von deinem Sparring-Partner. Geradezu eine perfekte Frage. Es gibt keinen Grund, dass du mit gespaltener Zunge sprichst. Dass du etwas anderes sagst, als du meinst. Dass du dir wünschst, erhoffst, erwartest, der andere müsste von alleine wissen, erahnen, erspüren, dass dein leicht dahin gesagtes JA nicht ernst gemeint, sondern in Wahrheit ein NEIN sei.

Das ist deine Aufgabe. Es ist deine Aufgabe zu sagen, was du meinst. Wenn du JA sagst, dann solltest du es auch so meinen. es sollte ein überzeugtes, zweifelsfreies und liebevolles JA sein. Von Herzen gern gegeben. Ohne Ressentiments.

Es ist nicht die Aufgabe der anderen, dein JA, das eigentlich ein NEIN ist, zu demaskieren. Zu erahnen. Dir die Entscheidung abzunehmen. Es ist deine Verantwortung, nur dann JA zu sagen, wenn du JA meinst.

Das ist schwer. Denn ein NEIN oder auch nur die Idee eines NEINs wirbelt deine Ängste auf. Nicht genug. Nicht genug geliebt. Nicht gut genug. Austauschbar. Gib die Verantwortung nicht den anderen: Wenn du ein NEIN fühlst, ist es dein Job, genau dieses NEIN zu transportieren. Es wird Menschen geben, die dich für egoistisch halten. Es wird vielleicht sogar Menschen geben, die sich von dir abwenden. Doch aus Respekt ihnen und dir selbst gegenüber, solltest du nur dann JA sagen, wenn du es auch so meinst.

Das kannst du nicht? Verstehe ich. Ist mir auch schon passiert. Aber dann musst auch du die Konsequenzen tragen. Im Idealfall ohne Gejammer. Denn das würde dich on top noch lähmen und deine Kräfte zehren. Wenn du noch nicht so weit bist, dann zieh dein ungewolltes JA durch und arbeite daran, es aus vollem Herzen zu geben. Für das NEIN kannst du noch etwas üben – bis du soweit bist.

Hol den Besen raus und fang an zu wirbeln

Nein sagen ist die Kunst des Aufräumen. Du machst Frühjahrsputz mit Dingen und Menschen, die dich ausbremsen. Du fegst alles aus dem Haus voller Energie und ohne Zweifel, was du nicht voller Freude und ohne Zweifel in deinem Haus behalten willst.

Du bist Cinderella: Die Guten in Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Wenn du in der zweiten Stufe herausgefunden hast, was dein wahres JA ist, solltest du nun hinschauen, wer von dir ein generelles NEIN brauchst. Ich meine nicht den Kollegen, der manchmal super charmant weiß, wie er dich kriegen kann. Doch der auf der anderen Seite stets mit Starbucks Caramel Macchiato und Engelsgeduld deine tränenreiche Männergeschichten anhört und mit dir durch die Leiden eines Singles-Lebens geht. Ich meine den Kollegen, der dich regelmäßig in Meetings auflaufen lässt und der gnadenlos von deiner nicht vorhandenen NEIN-Kompetenz profitiert, das auch weiß und es weidlich nutzt.

Diesen Kollegen, nennen wir ihn Karl, solltest du aussortieren. Ein für allemal. Für Karl musst du nicht jedes Mal erneut überlegen, ob du seiner Bitte nachkommst, ihm behilflich bist oder ihm aus der Patsche hilft. Karl – und jeder von uns kennt einen Karl – kannst du von der List der Liste streichen. Denn Karl nimmt. Immer und immer wieder. Karl will nicht mit dir wachsen. Sich wechselseitig unterstützen. Karl ist ein Idiot. Also weg mit Karl. Schwing den Besen.

Die elegante Kunst des Nein-Sagen

Okay, das alles ist neu für dich. Und es ist hart. Wenn du als Elevin in die Riege der NEIN-Sager aufsteigst, wirst du ziemlich sicher eine Menge Fehler machen. Wie jeder Anfänger. Vermutlich wirst du sogar sehr unbeholfen und ratlos sein.

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass du nicht die richtigen Methoden an der Hand hast, um klar, aber charmant NEIN zu sagen. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass du es total falsch machst. Ein ungeübter NEIN-Sager will das ungewohnte und ungeliebte NEIN schnell hinter sich bringen. Das hat mit großer Wahrscheinlichkeit zur Folge, dass du furchtbar zickig sein wirst.

“ Ich mache das jetzt nicht. Und überhaupt, du hast mich die ganzen Jahre benutzt. Meine Gutmütigkeit ausgenutzt. Was denkst du dir eigentlich? Meinst du, ich habe nichts Besseres zu tun?“

Das meine Süße, ist nicht die smarte Art NEIN zu sagen. Denn dein Gegenüber ist kein Verbrecher. Er fragt dich etwas. Nicht mehr und nicht weniger. Also solltest du ihn auch mit Respekt behandeln. Ein klares, freundliches NEIN reicht vollkommen. Ohne lange Erklärungen, aber eindeutig und freundlich. Es ist nicht Karls oder sonst jemandes Schuld, dass du noch eine ABC-Schützin im NEIN Sagen bist. Aber mach dir keine Sorgen: Ich bin mir sicher, dass du sehr schnell die freundliche Art des NEIN-sagen lernen wirst. Probier es einfach mal aus.

Hallo Claudia, ich bin Claudia

Wahrscheinlich wirst du dich nach ein paar Wochen fragen, wo dein altes Ich geblieben ist. Du wirst eine totale Entwicklung durchmachen, wenn du dir erstmals zugestehst, nur dann JA zu sagen, wenn du es wirklich willst. Du wirst Unmengen an Zeit haben, die du dadurch gewinnst, dass du NEIN zu allem sagst, zu dem du NEIN sagen möchtest. Ja, es wird Menschen geben, die dich vorher netter fanden. Vielleicht fanden sie es aber auch nur angenehmer, dass du zu allem JA gesagt hast und sie ihren Vorteil dadurch hatten.

„Every no makes space for a perfect yes.“ James Altucher

Du wirst dich sehen. Du wirst ganz neue Seiten von dir kennenlernen. Du wirst die ungeahnte Freiheit kennenlernen, die es bedeutet, dich zuzumuten.

Wer mag dich, so, wie du bist?

Ich mag dich so wie du bist. Wenn du also zweifelst und zauderst, es probierst und dann doch wieder zurückschreckst vor deiner eigenen Courage, dann denk daran, dass ich hier bin. Ich glaube an dich und ich unterstütze dich.

Werde so glücklich, wie es nur geht

 

 

Deine Claudia

4 Comments

  1. Liebe Claudia,
    das hast du fein geschrieben und ich finde mich wieder. Ich habe NEIN gesagt und Menschen haben sich von mir abgewandt. Was im ersten Moment sehr verletzend war, erwies sich als Segen. Seitdem kann ich NEIN sagen, muss es aber kaum noch. Lektion gelernt (sagte das Leben) 😉

    1. Hi liebe Doro,

      ja, das Leben ist immer wieder der beste Lehrmeister. Is so.

      Es freut mich riesig, dass du dich im Post wiedergefunden hast. Wie geil, dass du nach den schmerzhaften Erfahrungen drangeblieben bist und nun NEIN sagen kannst. It’s life changing.

      Genieß dein tolles Wochenende

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.