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Du bist erfolgreich. Du bekommst, was du willst und du erreichst deine Ziele. Aber du bist zu männlich.

„Mir ging auf, dass ich zwar weich und weiblich aussehe, aber mein Inneres das von einem Kerl ist. Da kann ich mir noch so viele High Heels und kurze Röcke anziehen.“

gesteht sich Doro Retterath von Nowshine in ihrem klugen, feinfühligen und ehrlichen Artikel ein. Ich kannte diesen Artikel bislang noch nicht.

Doch der kurze Satz, den mir  Doro sagte:

„Du bist zu männlich.“

reichte aus, um tiefer zu gucken, zu graben, zu überlegen

und um mit Anna zu sprechen.

Lange haben wir nichts mehr von meiner lieben, süßen Anna gehört. Das liegt daran, dass Anna unfassbar beschäftigt war. Sie hat ihr Business nach dem Umzug erneut in Angriff genommen, erste Netzwerkkontakte geknüpft. Tatsächlich hat sie sogar schon einen Auftrag bekommen: Sie soll das Dach des Bürgerhauses zu einer Openair-Begegnungsstätte mit Lounge-Charakter umgestalten. Außerdem hat sie das Haus  eingerichtet und zu einer gemütlichen Wohlfühloase gestaltet. Sie hat die Kinder beim Einstieg in die neuen Schulen unterstützt, wann immer es nötig war. Sportvereinanmeldungen für alle erledigt. Kürzlich hat Anna sogar schon die netten Nachbarn auf einen Wein am Abend eingeladen.

Anna war wochenlang auf der Überholspur. Tempo 200 mit Tempomat. Kein Innehalten.

Jetzt ist sie erschöpft. Eine Art bleierne Müdigkeit macht sich in ihr breit. Sie hat keine Lust mehr sich um alles zu kümmern. Sie möchte sich einen ganzen Nachmittag mit einem Berg von Büchern und Magazinen, Keksen und leckerem Tee auf dem Sofa gönnen. Eigentlich am liebsten einen ganzen Monat.

Anna erkennt, dass sie einfach mal abgeben muss. Sie muss nicht immer alles machen und können. Sie weiß, dass sie einfach mal loslassen muss. Die Dinge werden schon erledigt. Sie weiß das alles. Schließlich hat sie das notwendige Mindset dafür, durchgecoacht wie sie ist und  mit großer und liebevoller Achtsamkeit ausgestattet. Sie WEISS das alles. Ja, ja, ja verdammt nochmal. Sie muss nur noch machen. Einfach gesagt. JA. Ist ja schon gut.

Vergangene Woche hat sie eine Entscheidung getroffen: Die todlangweiligen Schildkröten für die Kinder sind bei ihnen eingezogen.Und obwohl die Schildkröten so gar nichts machen, gibt es dennoch ziemlich viel zu tun. Getränke und Speisen – natürlich jeden Tag frisch für die kleinen Rennraketen, Ködel einsammeln, Auslauf verschaffen, Literatur verschlingen zum bald anstehenden Thema: „Wie bringe ich die verdammte Schildkröte über den Winter?“.

Normalerweise eine Bühne wie für Anna gebaut. Anna ist eine Macherin. Bevor sie lange diskutiert und bettelt, macht sie es. Wie 1.000 andere Frauen auch.

Doch dieses Mal ist es anders. Die kleinen Panzerratten wohnen mit Anna unter einem Dach und sie macht

nix.

Außer ihnen im Vorübergehen zuzunicken. Weil sie sich nicht kümmert, aber auch nicht drängelt, erinnert, nörgelt und am doch Ende macht, kümmern sich ihr Mann und die Kinder.

Kein großes Ding. Es läuft einfach. Anna lächelt zufrieden und ist stolz auf sich und auch ein bisschen ärgerlich, dass sie so lange gebraucht hat, um endlich einmal für sich zu sorgen.

Annas Geschichte ist nichts besonders. Sie ist das, was du und ich kennen. Eine Frauen-Falle, in die wir so gerne – mit offenen Augen und klaren Blicken und bei vollem  Bewusstsein – wie Gender-Lemminge  hineinstampfen.

„Ach ja, kenn ich auch.“, „ Ich muss das einfach mal durchziehen.“, „Die Männer sind einfach besser darin, stumpf wegzuschauen.“ , „ Ich würde das ja durchziehen, aber ich kann doch nicht die Kinder ohne Frühstück zur Schule schicken (oder der Oma nix zu Weihnachten schenken oder den Gästen Pizza vom Italiener servieren).“

– Zitat: wie Frauen gerne mal reden

Die meisten Frauen werden dir bei so einer Erzählung verständnisvoll zunicken. Mit dir Pläne schmieden, wie du dich beim nächsten Mal der Mutti-Falle entziehst. Ihr werdet am Prosecco schlürfen und gemeinsam darüber lachen, dass wir irgendwie alles im Griff haben, unseren Job hervorragend erledigen und dann doch immer wieder zum wandelnden Klischee werden.

Bullshit.

So einfach ist es nicht. Oder: Coach dich nie mal auf die Schnelle selber. Es lohnt sich ein Blick unter die Schokoladen-Glasur des Baumkuchen.

Schnell gebacken und rausgehauen – die erste Schicht oder deine Sucht nach Perfektion

Wie Anna, weißt auch du sehr genau, dass du dich nicht wirklich um alles kümmern musst. Es ist kein Schicksal aus dem es kein Entrinnen gibt.

Ja, manchmal bedeutet es Kämpfe, wenn du Familienmitglieder oder Kollegen aus ihrer Kuschelzone jagst, weil du plötzlich erkannt hast, dass du immer alles und immer alles richtig machen willst. Diese Erkenntnis mit der ganzen Welt teilen und daraus in Stein gemeißelte Entscheidungen machen willst. Durchdrungen von dieser Erkenntnis plapperst du reflektiert über deine Erkenntnisse.

„Hallo, ich heiße Anna und ich will immer perfekt sein. Deshalb lasse ich ungern Dinge los. Übernehme gerne Aufgaben. So habe ich das Gefühl alles zu können und für jede Situation gerüstet zu sein. Ich weiß, dass das mein Problem ist und ich arbeite daran.“

Diese Erkenntnis ist jetzt aber nicht neu für dich, oder?

Die zweite Schicht – schon was für Könner oder hast du mich auch dann lieb, wenn du mich SIEHST?

Gähn…

Kurzweilig ist es hier ja, aber dafür musst du nun keinen Artikel lesen. Du hast Recht. Ich nehme dich mit auf Annas Reise und verspreche dir, dass da noch mehr kommt.

Anna ist wirklich in dem Thema und sie weiß das alles. So wie du. Doch während sie mit dem Hund läuft, wird ihr bewusst, dass sie nicht come persona alles perfekt möchte. Es ist nicht auf ihrer Gen-Platte dieses Perfektsein als unausweichlicher nächster Schritt. So als ob jedes Zuwiderhandeln für sie ein Kraftakt wäre.

Nein, wenn Anna sich selber sieht, weiß sie, dass sie gar nicht unbedingt perfekt sein will. Dass es um  mehr geht. Mehr Emotion. Mehr Verletzlichkeit. Aber diese Perfektionismus-Kiste bietet sich halt wirklich an. Macht jeder. Akzeptiert jeder. Jeder bestärkt dich, wenn du dir mal wieder selber im Wege steht.

„Hau es raus. Es ist egal, ob es perfekt ist, Süße. Wichtig ist, dass du es gemacht hast.“

Ja, da ist vordergründig dieses gute Gefühl alles zu können: Job, Haushalt, Mindset, Kinder, Freude, Familie, Oma und Opa.

Wenn du jetzt also ganz bewusst etwas nicht tust – so wie Anna beispielsweise die Schildkröten im schlimmsten Fall verdorren ließe (ok, ich übertreibe; das würde Anna nie tun)  – einfach weil es nicht dein Job ist, weil du dich nicht ärgern und in der Zeit lieber ein gutes Buch lesen willst, ist das etwas, das andere registrieren, sehen und bewerten werden.

Sie sehen dich so wie du bist. Nicht die kleine Mrs-Perfect-den-Job-mache-ich-nebenbei-während-ich-Kuchen-backe.

Sie sehen DICH.

Eigentlich innerhalb der Familie eine Selbstverständlichkeit. Die Basis des Zusammenlebens. Aber selbst in dieser Mikrozelle magst du es lieber, wenn alle denken, du kannst das alles. Nebenbei, lässig und voller Verständnis für alle, die es nicht schaffen.

Lass uns kurz zurück Anna schwenken. Anna ist wirklich froh, dass sie sich so reflektiert mit sich und ihren Motiven auseinandersetzt. Ein kleines Selbst-Coaching nebenbei.

„Wow, was so kleine Schildkröten einem doch für Erkenntnisse entlocken können!“

Die klebrige Basis – Königsklasse oder guck unter den Teppich bevor du fegst. Und dann guck nochmal

Wir alle waren schon mal da, wo Anna jetzt ist. Du hast dich selbst bei etwas ertappt, hast dir metaphorisch auf die Finger geklopft, bist durch den Prozess der Selbsterkenntnis gegangen und warst irgendwie stolz auf dich. Stolz darauf, dass du hingeschaut hast. Den Finger in die Wunde gesteckt und gebohrt hast.

Aber du hast nur so tief gebohrt, wie  es noch nett war. Doch darunter sitzt die fiese Wurzel. Du kannst sie ignorieren. Niemand wird es merken. Oder du kannst hinschauen und sehen, was die tiefe, dem zu Grunde liegende Wahrheit ist.

Ich tauche jetzt mal ein in die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Bevor die Klischee-Front aufschreit: Ja, ich weiß, nicht jeder Mann, nicht jede Frau ist gleich. Weder tatsächlich noch emotional. Aber es gibt von der Natur vorgegebene Unterschiede zwischen Mann und Frau.

Von deiner biologischen Konstitution und der archetypischen Entwicklung als Frau her, ist dein Körper dazu gemacht, zu empfangen, Leben zu gebären. Das Neugeborene kannst du mit deinem Körper nähren. Es ist vollkommen egal, ob du tatsächlich ein Kind bekommst oder nicht. Dennoch gibt es typisch weibliche Eigenschaften, die mit dieser Disposition zusammenhängen: Die Fähigkeit weich zu sein, zu empfangen, liebevoll zu umsorgen, intuitiv zu sein.

Das war der kleine biologische Ausflug. Und er bestimmt zum Glück nicht darüber, wie du dein Leben gestaltest. Was auch gut ist. Aber dennoch bist du eine Frau und kein Mann.

Manchmal gibt es Momente oder auch ganze Lebensphasen, wo du dein Frausein vergisst. Wo du dich um alles kümmern, alles erledigen, alles können, für alles verantwortlich und unendlich stark sein möchtest.

Doch wenn du deine Weiblichkeit dauerhaft ignorierst, verlierst du das emotionale Band zu dir.

Oft ist das nicht einmal eine bewusste Entscheidung. Da sind deine Rollenvorbilder. Vielleicht gibt es eine Mutter, die erfolgreich den eigenen Laden geschmissen hat. Oder die Oma, die für alle gesorgt und zusätzlich den verstorbenen Opa ersetzt hat. Da sind deine Freundinnen, ihr alle habt hervorragende Ausbildungen, macht euren Job bravourös.

Aber warum verdammt noch mal, musst du alles andere auch noch hervorragend machen? Wo ist in diesen Konzepten noch der Platz für andere? Wo gibt es noch eine Rolle, die andere besetzen dürfen, wenn du bereits  alle Rollen – immer schön laut ächzend und stöhnend – bedienst? Du bist die beste Mitarbeiterin, die beste Unternehmerin, die beste Partnerin, die beste Mutter, die beste Freundin.

Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie es für die anderen ist, denen du die Rollen nimmst?

Nein? Musst du auch nicht. Denn das ist nicht dein Thema. Doch damit du wirklich  erfolgreich glücklich  wirst, ist es wichtig auch die Frau in dir zu sehen. Die typisch weiblichen Eigenschaften, die vielleicht verborgen in deinem Emotions-Keller schlafen.

Vielleicht ist da trotz aller Stärke und Energie der Wunsch, in manchen Momenten schwach zu sein. Unterstützung anzunehmen. Anderen zu vertrauen, sich auf andere zu verlassen.

Gönn dir diese Weichheit und Weiblichkeit und nimm an, statt nur zu geben.

Aber nicht wie von Anna mit einer Strategie. Sondern auf eine ganz natürliche, einfach weibliche Art und Weise. Mit ganz viel Offenheit und Vertrauen.

Möglicherweise schläft in deinem Keller kein Emotions-Schneewittchen, sondern es sitzt mit dir fröhlich und glücklich jeden Tag am Tisch und holt sich, was es braucht. Das wäre wunderbar.

Doch wenn auch du wie Anna die Frau in dir zu wenig lebst, dann hole sie hervor, lass sie raus und wachsen. Dieser Weg lohnt sich, denn erst wenn du dich kennst und zwar auch als Frau und nicht nur als Unternehmerin, Angestellte oder sonst wie funktionierendes Wesen, wirst du dein volles Potential leben können.

Take care und bleib glücklich

 

Deine Claudia