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Eine weitere Nacht stand mir bevor. Dunkel und schwer türmte sie sich vor mir auf. Ich wollte mich in ihre Arme werfen, in das Vergessen, in die Ruhe. Totale, absolute, jeden Raum einnehmende Ruhe.  Nicht denken, nicht fühlen, nicht handeln. In der Hand hielt ich meine kleine und doch so machtvolle happy pill, mein süßer, kleiner, pharmazeutischer Freund, der mich die letzten sieben Nächte hatte überstehen lassen. Dieser Magier der Pharma-Riesen, der mich in den  letzten Nächte von den Panik-Attacken erlöst und mich in seine süßen Arme genommen hatte. Die Arme, die mich in den Stunden der Nacht vergessen ließen, dass mein Mann um sein Leben kämpfte.

Mein Herz raste, der Schmerz drohte mich zu übermannen, die Ängste, wie ich das alles bewältigen sollte, nahmen mir den Atem. Die Wut und Verzweiflung, warum das alles mir passierte, waren übermächtig.

Und da war dieser kleine, weiße Seelentröster, der mich in seiner Schlichtheit und mit all seiner Macht, mit süßer, verlockender Stimme rief, seine Arme ausbreitete und der mir versicherte, dass ich mich für immer bei ihm ausweinen könne und er immer, immer für mich da sei….

So süß, so leicht, so jammervoll. Komm zu mir. Das Leben ist böse zu dir. Bei mir brauchst du nie wieder zu jammern. Ich lasse dich alles vergessen.

Nimm mich.

Hör auf dagegen an zu kämpfen.

Du schaffst das  nicht.

Und dann kam ganz tief aus mir eine Kraft, ein Lebenswille und auch die Gewissheit, dass weder die vermeintliche Glückspille, noch das verzweifelte Klagen, noch die Frage nach dem „warum“ mir helfen würden. Es kam der Moment als ich entschied: Ich will das Leben, ich will das Glück und ich will nicht das Klagen und Jammern.

Und ich schmiß die Pille weg.

Es ist dein Leben. Es ist deine Entscheidung

„Und der Teufel flüstert: Diesen Sturm wirst du nicht überstehen.

Der Krieger antwortet: Ich bin der Sturm!“

Was auch immer dir in deinem Leben passiert: Du hast die Kraft es zu überstehen. Du weißt es nur noch nicht. Und manchmal braucht es eine elementare Situation, um dir bewusst zu machen, dass du alles schaffen kannst. Aber auch in dem ganz alltäglichen Wahnsinn kannst du immer wieder erkennen, dass du nicht nur die Möglichkeit hast zu reagieren. Du kannst agieren.

Was auch immer in deinem Leben passiert, diese Erkenntnis ist für dich wegweisend.

Denn diese Erkenntnis ermöglicht es dir, deine Opferrolle zu verlassen. Und die Opferrolle hält dich fest, lädt dich ein, erlegt dir all das Leid der Welt auf. Dein Leid ist schlimmer als das der anderen, ist schwerer. Und du kannst es nicht aushalten.

Wenn du in diesem Level festhängst, ist klagen und jammern deine einzige Rettung.

Warum passiert mir das?

Ich halte es nicht mehr aus.

Wenn du annimmst, was auch immer dir passiert, hast du die Möglichkeit, zu gestalten. Du hast die Möglichkeit abzugleichen mit anderen Menschen. Du hast die Chance zu erkennen

Und nein, du musst es nicht lieben.

Und es ist scheiße und ungerecht und es macht alles kaputt.

Aber du wirst es nicht ändern. Aber du hast du Wahl, ob du das Opfer bist und jammerst. Oder ob du daran wächst. It’s up to you.

Bleib authentisch, aber ziehe es durch

Du wirst seltsam sein, wenn du aufhörst zu jammern. Und dabei ist es egal, ob es nach einen Schicksalsschlag passiert oder ob du einfach unerklärlicherweise weich, positiv und lebensbejahend wirst. Und tatsächlich ist es auch so, dass du etwas überziehen wirst.

Das Jammerfreie Leben ist eben nicht unser Umfeld. Ist Jammern nicht das, was wir alle permanent tun? Das Wetter ist schlecht, die Autobahn verstopft, die Politik versagt, meine Arbeit wird nicht hinreichend wertgeschätzt, mein Partner und meine Kinder sind nicht dankbar genug…es gibt genug. Und es hört nie auf.

Mit deiner neuen Haltung irritierst du dich und andere.

Und ja, es fühlt sich nicht immer echt an. Denn tatsächlich regt mich vielleicht doch irgendeine dumme Pute auf. Und ich würde wahnsinnig gern klagen und jammern, warum ich das mir alles antun muss. Und dann gönne dir bitte  auch diese Momente des Ärgers, des Lästern und des Jammerns. Wichtig ist dabei, dass du ein Bewusstsein hast dafür, dass dich das Klagen und  Jammern nicht weiter bringt.

Gib dir einfach, die Dosis die du brauchst, um noch du selbst zu bleiben. Aber realisiere es. Beobachte dich dabei. Und dann genieß das Jammern wie eine halbe Tafel Schokolade – einfach weil du es möchtest. Und wenn du dann die Dosis hattest, die du gebraucht hast und verlass schleunigst das Jammertal.

Dinge werden kraftvoll

Wenn du das ewige Klagen und Jammern verlassen hast, setzt du einen Mechanismus in Gang. Denn dort wo du bist – in der jammerfreien Zone – lebt es sich besser. Und das heißt nicht, dass dort nicht schlechte Dinge passieren. Keineswegs. Aber du hast die Erkenntnis, dass es dir nichts bringst, zu klagen.

Was soll dir das jammern bringen? Nichts.

Also läßt du es.

Nimm deine Kraft und Energien und investiere sie in die Lösung. Und nach  einer Zeit wirst du merken, wie du diesen anderen lösungsorientierten und positiven Ansatz verinnerlichst hast. Und du spürst die Kräfte, die das in dir freisetzt. Und irgendwann bist du auf der anderen Seite des Flusses. Du siehst Lösungen und Chancen und Herausforderungen. Und du willst gar nicht mehr Jammern. Und du bist glücklich damit.

Deine Claudia

7 Comments

  1. Liebe Claudia, das ist ein wunderschöner Beitrag – und ich möchte ihn so unterschreiben. „Was auch immer dir in deinem Leben passiert: Du hast die Kraft es zu überstehen. Du weißt es nur noch nicht. Und manchmal braucht es eine elementare Situation, um dir bewusst zu machen, dass du alles schaffen kannst.“ JA! Als Mutter von drei Sternenkindern habe ich genau diese Erfahrung gemacht. Drei mal.
    Aus Resignation wurde Frieden. Aus Verzweiflung wurde Dankbarkeit. Die Trauer wich der Liebe.
    Aus Sinnlosigkeit wurde eine Aufgabe – andere Betroffene auf ihrem Weg ein Stück zu begleiten.
    „Trotzdem JA zum Leben sagen“ (Viktor Frankl). Mein Lebensmotto. Wenn Du auch nicht immer beeinflussen kannst, WAS Dir passiert. Du kannst immer Deine Haltung wählen. Du bist kein Opfer der Umstände. Niemals.
    Auch ich jammere heute wieder – hin und wieder – aber genüsslich 🙂 Weil ich’s kann – nicht weil ich’s brauche.
    Solange es nicht um Leben und Tod geht bringt MICH wirklich nichts mehr aus der Ruhe.LG, Christina

    1. Liebe Christina,

      es ist für mich wie ein Geschenk, dass der Artikel dieses Empfinden bei dir auslöst. Ich danke dir. Und noch mehr danke ich dir für deine Offenheit, dass du dein Schicksal mit mir (mit)teilst. Ich bewundere die Haltung und das Empfinden, dass du zu deinem Verlust entwickelt hast. Sternenkinder. Das ist ein wunderschönes, gefühlvolles und treffendes Wort. Und genau diesen Dreh, den du emotional gemacht hast, wollte ich beschreiben. Und dass du jetzt anderen Menschen hilfst und es auch kannst, weil du schon warst, wo sie jetzt sind, ist wunderschön. Wie lange hat die Entwicklung bei dir gedauert? War das für dich sofort so klar, wo du hin willst? Das sind so Punkte, die einen schon umtreiben in Krisensituationen.

      Herzliche und liebe Grüße

      1. Liebe Claudia, dass ich meinen Weg da raus öffentlich (wenn auch zunächst unter Pseudonym) gehen würde, war mir ziemlich schnell klar. Ich wusste, es gibt im deutschsprachigen Raum kaum Support beim Abschied vom Kinderwunsch. Ich hatte aber bereits US und UK-Coach-Kolleginnen kennengelernt, die als ebenfalls Betroffene den Weg dann öffentlich voran gegangen sind und hatte sofort das Gefühl, dass ich das nicht nur auch kann sondern sogar tun muss. Gemeinsam mit einer Freundin, die in der gleichen Situation war, haben wir dann damals ein Blog gegründet – ohne aber wirklich zu wissen, wie schnell und wie sehr sich dieser entwickeln würde. Ende 2015 habe ich dann eine kleine Auszeit genommen – und bin dann 2016 komplett öffentlich zurück gekommen sozusagen. Jetzt habe ich sehr viele neue Ideen und Projekte in der Planung was dieses Thema angeht.

        Alles ist gut. Es gibt zwar nicht immer ein Warum – aber immer ein Wofür. Das habe ich gelernt aus meinen Erfahrungen.

        Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!

        1. Liebe Christina,

          ja, tatsächlich ist es wirklich so, dass der US und Uk Raum deutlich fortschrittlicher ist (dahingehend Dinge öffentlich zu machen und/oder zu bloggen). Deine neue Seite habe ich mir vorhin angeschaut und das hört sich nach einem wirklich spannenden Projekt an. Es ist wirklich wunderbar zu hören, wie und dass du gewachsen bist.

          Liebe Grüße

  2. Liebe Claudia, ein so schöner Beitrag. „Es ist dein Leben, deine Entscheidung!“ So wahr und doch von den allermeisten Menschen „noch“ nicht erkannt. Klar, Jammern ist ja auch einfacher und vor allem gesellschftsfähig. Doch diejenigen die sich entschieden haben ihr Leben selbst zu entscheiden und das Jammern nicht mehr zum Lebensinhalt machen, diejenigen sind auch Wegbereiter für andere durch ihr Vorbild. And who cares, das Leben ohne Jammern ist gestaltbar, nicht einfacher aber so wie ich es will, und nur ich bin verantwortlich für mein Erleben.

    1. Liebe Sabine,
      danke für deine lieben Worte. Ja, es ist seltsam, dass jammern „normaler“ ist, als eine positive Haltung. Ist dein Umfeld manchmal irritiert, wenn du nicht jammerst? Ich wurde schon diverse Male anschaut, als wenn ich besser den Arzt aufsuchen sollte wegen meiner positiven Haltung.

      Liebe Grüße