Sind meine Frauen klebrig-süß und jämmerlich?

Sind sie unausgelastete, unzufriedene Vorstadtweiber?

Ist meine süße Anna eine visionslose, unausgelastete, nägellackierende Vorstadtmutti mit einem schnuckeligen Hobby-Business? Ist sie die Frau, die es sich erlauben kann, Lustlos-Phasen auszuleben, weil sie keine finanzielle Verantwortung trägt? Ist sie die Frau, die sich Termine zur Maniküre einschiebt anstatt nonstop und unermüdlich an ihrem Traum zu arbeiten?  Und wenn ja, wäre das schlimm? Wäre Anna dann weniger eine starke Frau? Weniger erfolgreich? Aber dafür mehr bemitleidenswert und nicht ernstzunehmen? Und was ist überhaupt die richtige Frau?

Kürzlich habe ich über „meine“ Frauen geschrieben, die Frauen, für die schreibe, die ich liebe, die Frau, die auch ich bin. Dieser Post hat eine sehr große Resonanz hervorgerufen und viele Frauen schrieben mir, wie sehr sie sich in „meiner“ Frau wiedererkennen.

Aber es gab auch Kritik. Die Kritik kam von einer sehr klugen und sehr lieben Frau, die ich unglaublich schätze, deshalb setze ich mich damit auseinander.

Sind meine Frauen jämmerlich und unzufrieden? Weil sie es sich gönnen zu jammern, zu zweifeln, unsicher zu sein und auch suchend zu versuchen. Weil in ihrem Leben Theorie und Praxis auseinanderdriften und einfach das nackte Leben dazwischenkommt.  Was ist überhaupt eine jämmerliche Frau und was eine starke? Wer bestimmt das und hat das irgendeine Bedeutung, was irgendwer so als starke Lady zu definieren müssen meint?

Das ist nur ein kleiner Teil der Fragen, die sich ihren Weg bahnten durch leise Zweifel, zaghafte Selbstvorwürfe, eine gewisse Unsicherheit, einer grenzenlose Zuversicht  und ganz viel Liebe. So viele Fragen. Sie sind sofort da. Ich weiß, sie haben nichts mit der ganz harmlosen und freundlichen Kritik zu tun. Es ist vielmehr wie eine Schaukel, die in Bewegung gesetzt wurde durch einen Windstoß und jetzt mit jedem Schwung höher schwingt und die den Windstoß längst hinter sich gelassen hat.

Das ist es, wie wir allzu leicht funktionieren. Ob du willst oder nicht: Die Fragen sind einfach da. Du hast dir diese Fragen nicht gestellt. Sie haben sich gestellt. Haben sich geboren. Was wollen sie? Haben sie ein Eigenleben? Da wartet noch ne Menge Arbeit auf mich, I guess; aber das ist eine andere Geschichte.

Aber ich muss dir etwas sagen. So sehr sich diese Fragen bohrend ihren Weg in die Welt gebahnt haben: Du  kannst diese ganzen Fragen vergessen, denn diese Fragen stellt der Kopf. Dein Kopf nützt dir aber gar nichts für Fragen dieser Art. Denn du musst eines wissen: Es gibt keine allgemeingültige Wahrheit. Kein Wiki, kein Duden, keine Ratgeber, keine Abhandlung. Warum solltest du dich bei der Bewertung auf ein Außen verlassen, wo es doch unzweifelhaft ist, dass die gleichen Fragen 5500 km östlich in Abakan oder nördlich oder südlich oder in Wolkenkuckucksheim komplett anders beantwortet werden würden.

Die richtigen Antworten wohnen woanders. Und zwar ganz ohne die Fragen zu stellen. Du findest sie dort, wo alle Antworten sind, die jenseits der Ratio wohnen. Alle Antworten auf Fragen, die nicht eindeutig A oder B oder C sind. Die Aufklärung findest du in dir. Deine Intuition weiß schon längst die Antwort, während du noch Argumente abwägst.

Deine Echtheit ist deine Stärke

In einer Welt, in der Zuversicht, Fokus und Erfolgsorientiertheit ebenso zum Standard-Repertoire gehören wie eine  ordentliche Portion Happe-me und grenzenloses Durchhaltevermögen, ist es schwer, nicht als jämmerlich zu gelten.

Natürlich musst du daran glauben, dass es klappt. Ohne jeden Zweifel musst du dir sicher sein, dass Dranbleiben zum Erfolg führt. Selbstverständlich musst du  souverän deine Ups and Downs beobachten können, wie ein souveräner Dompteur gibst  du den zappeligen, kleinen Flöhen lange Leine und bist dir dennoch 100%ig sicher, dass sie bei deinem ersten Peitschenklatschen strammstehen werden.

Das ist jedoch ein Irrglaube. Denn die menschliche Gefühlswelt ist nicht statisch, sondern Schwankungen unterworfen. Schwankungen, die du trotz aller Souveränität nicht vorhersehen kannst. Diese Schwankungen, die dich an deine Grenzen führen every  now and then gleichen Stromreizen, die Reaktionen provozieren können. Wachstum erzeugen.

Go with the flow, die Fähigkeit, wirklich zu sehen und zu spüren, was Situationen in dir auslösen und das auch zulassen, ist ein Schlüssel und keine Bürde. Du bist dabei näher bei dir als bei einem Bild, dem zu genügen du dich irgendwann entschieden hast.

Wer wendet wohl mehr Kraft auf?

A. Die Frau, die sich bei einem versemmelten Job  im Arm ihres Mannes (ihrer Mutter, ihrer Freundin, ihrer Katze) ausheult und den Selbstzweifeln freien Lauf lässt

B. oder die Frau, die sich sofort an die intellektuelle Analyse und die richtigen Maßnahmen aufwendet.

Unisono kommt die Antwort: Frau B!

Bist du dir sicher, dass B mehr Kraft aufwenden muss? Ich muss dich enttäuschen. Denn auch hier gibt’s keine richtige Antwort.

Die richtige Antwort kennst nur du.

Niemand sonst.

Und genau deshalb ist die jammernde Frau eben auch nicht zwingend ein jämmerliches Vorstadweib. Sie ist ein Weib, dass sich erlaubt zu jammern, weil sie es will. Einfach weil sie es braucht.

Die Fähigkeit sich zu erlauben, was du brauchst und dich nicht darum zu kümmern, wie andere es bewerten, ist ein Zeichen von Stärke. Von Souveränität und von Selbstakzeptanz.

Deine Weigerung dranzubleiben ist Ausdruck deiner Dualität

Wenn meine Frauen sagen, dass sie am besten wissen, was gut für ist, wenn sie sagen, dass  sie mutlos und angstvoll sein wollen, einfach weil sie so fühlen. Wenn meine Frauen sagen, dass sie Auszeiten brauchen oder wenn sie das Gefühl haben, dass manchmal alles verdammt schwer ist, wenn sie keine Lust haben dranzubleiben und stattdessen einfach mal dem Lustprinzip folgen wollen, dann spricht aus ihnen die janusköpfige Weisheit.

Die Dualität des Leben, die die Grundlage von allem ist. Licht und Schatten. Liebe und Hass. Tod und Geburt. Zukunft und Vergangenheit. Mann und Frau.

Ich weiß nicht, wie wir es zulassen konnten, dass ein monochromes Bild von Gefühlslagen entsteht. Von einer Erfolgs- und Happy Straße, die nur nach oben führt. Von einem Wachstum, das ohne Störungen, immer weiter zu einer Verbesserung deiner selbst führt. Von Wegen, die keine Kreuzungen haben. Von Leben, die keine Tode haben.

Meine Frauen haben erkannt, dass die nicht Sklaven ihres Lebens sind. Sondern die Gestalterinnen. Manchmal erlauben sie sich die Freiheit nicht on the top und unstoppable zu sein. Manchmal bremst das Leben sie aus, was sie fluchend beklagen.

Doch sie wissen mit einer tiefen inneren Gewissheit, dass es okay ist, so wie es ist.

Verscheißer mich nicht, Sweety

Es ist nicht einfach diese Gewissheit beizubehalten. In einer Welt, in der du dir kaum ein verheultes Wochenende erlaubst,  dieses vergeutete Jammertal unendlich betrauerst, ist die Verlockung der Perfektion so süß wie überreife Trauben.

Ich höre schon deine Einwände. Allzu leicht haben wir unser süßes, schnuckeliges „Ich bin unperfekt perfekt“-Köfferchen parat. Wir wissen natürlich, dass wir nicht perfekt sind. Wollen wir auch gar nicht. Nicht für uns. Nicht für andere. Klar, wir wollen Ecken und Kanten. Fehler einräumen. Da gibt es ein komfortables Sammelsurium an Unarten, die wir allzu bereitwillig einräumen. Vielfach erprobt. Charmant lächelnd.

  • Ich bin so unordentlich
  • Ich kann nicht kochen
  • Ich habe zu oft Selbstzweifel
  • Ich bin ne chaotische Mutter
  • Ich bin total verplant
  • Ich bin ungerecht

So einfach ist es nicht.

Das ist nicht die Zweipoligkeit, die ich meine. Das ist Lifestyle-Attitude. Jeder ist heute unperfekt perfekt. Imposante 110.000 Fundstellen haut Google bei dieser Schlagwort-Kombination raus. In den letzten zehn Jahren hat sich im Dunstkreis der Persönlichkeitsentwicklung und Erfolgs-Literatur ein umfassender Wandel weg vom „Ich habe so hart gearbeitet, dass ich fehlerfrei bin und deshalb alles schaffen kann, was ich will.“ hin zu einem menschenfreundlichen  „Start-Try-Fail-Try-Again-Be yourself-and-you-will-succed“ gewandelt.

Wenn du jemanden triffst, der von sich behauptet, er sei perfekt, ist er entweder mindestens über 70 oder ein Alien.

Tatsächlich sind wir alle ungeniert mehr Carrie B. als Grace K..

Weck mich, wenn etwas wirklich Neues passiert.

Verlass die Matrix und spür den Turbo

Doch die Dualität eines Menschen geht tiefer. Es geht darum, sich zu erkennen.

Wenn Frauen aufhören, sich zu verbieten verbotene Gedanken zu denken. Wenn Frauen sich erlauben, sich so zu sehen wie sie sind, mit all ihrem Glanz, in ihrer Lebensfreude, mit ihrem Übermut, mit den Jammertagen, mit ihrer Zickerei und den Unsicherheiten, mit ihrer Wut und ihrer Liebe. Wenn sie aufhören einem Bild genügen zu wollen. Dem Bild einer starken Frau. Wenn sie sich sehen

nackt

ungeschminkt

und ohne Maske

Das Schöne und auch die Fratze.

Wenn Frauen sich so sehen und mögen, werden sie frei sein.

Du hältst dich aus. Nicht nur das schöne Bild, das du dir von selbst aufgebaut hast. Du siehst dich selbst in deiner Unvollkommenheit. In deiner Komplexität. Und du lächelst dir dennoch zu.

Wenn du das tust, sind dir keine Grenzen mehr gesetzt. Dann fängt die Geschichte, deine Geschichte erst wirklich an. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

Frauenbild. Hab ich sowas überhaupt?

Nein, eigentlich nicht. Denn das würde bedeuten, dass ich die Schere für deinen Scherenschnitt des  fit-and-fine-and-happy-wifey führe. Modern und berufstätig. Unabhängig und dennoch liebend. Finanziell unabhängig und doch loyal. Sportlich natürlich und belesen.

Meine Frauen haben Hüften und ihren eigenen Kopf und ihre eigenen Gefühle. Es ist ihnen egal, ob sie Kinder haben sollen, um zur Norm zu gehören. Und es ist ihnen egal, ob sie einen Mann brauchen. Es ist ihnen egal, ob sie jämmerlich oder zuversichtlich sein müssen.

Sie suchen und sie versuchen. Sie probieren aus und sie schaffen  Dinge und sie scheitern und sie wachsen. Sie gehen manchmal zwei Schritte vor und dann wieder drei zurück. Sie gucken in den Spiegel und wollen sehen.

Das Ziel meiner Frauen ist es, sie selbst zu sein.

Nicht mehr und auch nicht weniger.

Deine jetzt ganz klare

 

Claudia

 

 

 

 

2 Comments

  1. Huch, jetzt habe ich für einen Moment überlegt, woher du mich so gut kennst – mal abgesehen davon, dass ich nicht zur Maniküre gehe. *g*

    Sehr befreiend, deine Texte zu lesen. Ich mag es ja, wenn man mich zum Nachdenken anregt und dazu, mich und meine Gedankengänge zu hinterfragen. Finde ich sehr viel inspirierender als so einen vorgefertigen Instant-Mix à la „mach das so, dann bekommst du das“. Das klappt vielleicht bei meiner Instant-Gemüsebrühe oder dem Cappucchinopulver, aber nie beim Leben. Okay… bei meniem nicht. Aber ich bin ja auch eine Anna. 😉

    1. Ach Anna, dass es, ist warum ich unterwegs bin. Damit du dich gesehen fühlst. Und ich und die anderen. Damit wir erkennen, dass wir komplett okay so sind, wie wir sind.
      Und ja, bei mir gibts keine Rezepte. Wozu auch? Funktioniert haha eh nur bei Gemüsebrühe (love it). Das Leben verlangt uns mehr ab und schenkt uns auch mehr.
      Deine Kommentare bereichern meinen Blog. Danke