Manchmal braucht es den Rückblick, die Retrospektive, um Dinge zu verstehen.

Rückblende:

Morgen früh geht es in den Urlaub. Urlaub auf der wunderbaren Insel Amrum. Entspannung. Strand. Natur.

Seele baumeln lassen.

Die Entschleunigung soll sofort starten. Darum wird der Wagen auf dem Festland bleiben.  Bereits auf der Fähre soll der Urlaub beginnen. Vogelfrei. Sich um nichts kümmern. Und die Insel wird per Fahrrad bereist werden. Wer braucht schon ein Auto auf Amrum?

Es ist etwa 21:00 Uhr. Ich habe viel zu lange gearbeitet und stelle meine gepackten Taschen bereit, damit wir morgen Früh um 5:30 Uhr zügig abfahren können. Ich versuche mich nicht stressen zu lassen, obwohl ich todmüde bin.

Ich schaue auf den Berg an Taschen. Sehe meinen Koffer. Stelle mir vor, das alles zu schleppen. Obendrein  noch den Hund an der Leine. Ich mache die Probe: Setze den Rucksack auf, schnappe meine Arbeitstasche, grabsche mir  noch zwei weitere Taschen, die ich gnadenlos  auf meine übervolle Schulter schiebe. Schnappe mir den Koffer. Ach nee, den kann ich nicht schnappen, der ist zu schwer. Den wuchte ich hoch.

Und ich könnte heulen.

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Ohne große Begeisterung und Hoffnung versuche ich umzupacken, um die Anzahl der Gepäckstücke zu reduzieren und gebe genervt auf.

Endlich erlaube ich es mir zu jammern.

Das ist das Signal für meinen Mann sich an den Rechner zu stürzen. Er bucht eine andere Fähre. Eine Autofähre, die erst mittags abfährt. Entstresst so die ganz Situation. Ich finde es seltsam, dass er nicht fragt, argumentiert, überredet. Fast scheint es, als wenn er nur auf mein Jammern gewartet hätte, um diesen Feelgood-Start in den Urlaub zu buchen.

Du musst nicht immer alles verstehen

Aber ich schiebe den Gedanken beiseite. Will nicht nachdenken. Will nicht hinterfragen. Ich will einfach den Flow des Moments nutzen und ein verdammtes Auto haben, in das ich den ganzen Krams schmeißen kann, mit dem wir bis vor das Hotel fahren und in dem ich mit meinen super schicken, hohen Schuhen gemütlich sitzen kann.

Ich lasse los. Und denke nicht nach.

Let’s face it

Es war gut, dass ich losgelassen habe.

In manchen Situationen musst du einfach nur machen. Nur geschehen lassen, damit du erst einmal verhinderst, dass die falschen Dinge passieren. In den Momenten musst du einfach auf dein Bauchgefühl hören.

Aber später musst du schon abrechnen. Musst verstehen, was da passiert ist. Du musst erkennen.

„Oftmals sind wir zu uns selbst brutaler, als wir es jemals zu anderen wären.“

Claudia Münster

Niemals würden wir unsere Freunde so behandeln. Wenn ich eine Freundin so gesehen hätte, hätte ich ihr unmißverständlich gesagt, dass sie so nicht rumlaufen kann. Dass sie sich einen Bruch holt. Ich hätte sie gefragt, warum sie sich keine verdammte Autofähre nimmt.

Durchlauf mal den Reality-check

Du hast immer mehr Stress, immer neue Deadlines, immer mehr Verpflichtungen. Der Tag rast nur an dir vorbei und eine Sache fällt immer hinten runter: DU.

Dein Tag ist primär geprägt von den Erledigungen für andere. Du schmierst deinen Kindern das Brot, du führst den Hund Gassi, bei der Arbeit erledigst du die Aufgabe eines anderen, weil er es nicht rechtzeitig hinbekommt.

Du bist es überhaupt nicht gewohnt, dich und deine Bedürfnisse an die erste Stelle zu setzen.

Du bist es überhaupt nicht gewohnt, Bedürfnisse zu haben.

Du bist dir überhaupt nicht bewusst, wie sehr du ein Meister darin bist, deine Bedürfnisse zu verleugnen.

Mir war überhaupt nicht bewusst, von wie wenig Eigenliebe es zeugt, dass ich mir nicht einmal eine verdammte Autofähre gönne. Dahinter steht ein enormer Berg an Genussfeindlichkeit und fehlender Eigenliebe. Dahinter steht so viel  sich zusammenreißen, etwas schaffen müssen, nicht zimperlich sein, das wird doch wohl mal gehen.

Es brauchte diesen kleinen Moment des Jammerns, um all das  durchbrechen zu lassen.

Ich bin sicher, du kennst das auch.

Die Business class auf dem Langstreckenflug? Um Gottes Willen. Das schöne Geld. Du bist doch nicht aus Zucker. Läufst du halt rum und vertrittst dir die Beine.

Den Nudelsalat für die Party kaufen, weil du einfach keine Zeit und Lust hast? Ernsthaft?! Reiß dich mal zusammen, alle anderen schaffen es auch.

Deinem Teeny € 20,00 für das Taxi nach der Party in die Hand zu drücken, anstatt selbst bis 2:00 Uhr wach zu bleiben, komplett unentspannt, todmüde und auch noch ohne ein Glas Wein auf der Coach rumhängen.  Hör mal, ich liebe mein Kind und das kann ich doch wohl mal tun! Und  € 20,00 müssen auch erst mal verdient werden.

Immer steht hinter dieser Genussfeindlichkeit dir selbst gegenüber einer von den ganzen fiesen und extrem tief verankerten Glaubenssätzen:

  • Ich kann mir das nicht gönnen, denn ich habe zu wenig von …
  • Ich kann mir das nicht gönnen, weil ich brauche noch mehr von …
  • Das wird doch jetzt wohl nicht so schlimm sein.
  • Das kannst du aushalten.

So, nun habe ich für mich also festgestellt, dass ich – anders als ich dachte – noch ein paar ganz fiese Baustellen habe.

Aber ich habe keine Zeit und Lust jetzt zu forschen, zu untersuchen, zu hinterfragen, was da wohl bei mir diese Glaubenssätze ausgelöst und so tief verankert hat.

Könnte ich machen, wäre aber kacke. Denn ich will positive Ergebnisse. Und zwar jetzt. Ich will nicht in den Tiefen meiner Kindheit wühlen. Ein anders Mal vielleicht, aber nicht jetzt.

Hier eine kleine Anmerkung, bevor du aufschreist: Ich bin absolut nicht gegen Therapien. Das ist eine ganz wunderbare, wichtige und notwendige Sache. Das ist aber nicht das Thema meiner Arbeit. Mir geht es darum lösungsorientiert vorzugehen. Ich will, dass du eine Lösung findest. Eine Lösung, die es dir ermöglicht erfolgreich glücklich und glücklich erfolgreich zu sein.

Und was würde es mir nutzen – ganz konkret nutzen –  zu erkennen, dass ich mir  keine armselige Autofähre gönne, weil ich als Kind nicht im Kindergarten, sondern bei einer genussfeindlichen Großmutter mit Kriegsvergangenheit war (Fiktion ;)?

Eben! Nichts.

Deshalb mache ich lieber einen Frühjahrsputz

Mit dem Frühjahrsputz schmeißen wir einfach den ganzen Krams weg, der nicht zu einer radikalen Selbstliebe passt.

Sätze, die auch nur den Ansatz haben, dass etwas doch wohl ginge, zu ertragen sei und du das schon hinbekommen wirst, schmeißt du einfach über Bord.

Wir installieren neue Gewohnheiten und damit schaffst du es dann die alten Glaubenssätze los zu werden. Gewohnheiten sind eine super smarte Sache. Denn mit relativ einfachen Aufwand, kannst du optimale Ergebnisse erzielen. Wenn du es schaffst erfolgreich eine Gewohnheit zu installieren, kannst du damit ganz nebenbei den einen oder anderen Glaubenssatz eliminieren, ohne introspektiv zu arbeiten.

Sei dein eigener Vertragspartner

Geh einen Vertrag mit dir ein. Verpflichte dich schriftlich dir gegenüber für 30 Tage an diesem Projekt mitzuarbeiten. Schreibe den Vertrag auf, drucke ihn aus und unterzeichne ihn. Etwas strange – du musst ja niemanden davon erzählen – aber tatsächlich schaffst du es so, genau  die Bereiche anzuzapfen, die bei dir so wunderbar funktionieren.

Etwas tun müssen. Ich habe es doch versprochen. Das muss ich jetzt wohl mal durchziehen.

Du merkst schon: Manchmal helfen dir seltsame Sachen.

Das ist der Deal

Der Inhalt des Vertrages ist: Tue dir selbst 3 x am Tag etwas Gutes.

Mach dir eine Liste mit Dingen, die du besonders magst, tust, hörst, siehst, unternimmst. Je länger die Liste ist, um so besser.

Lauf meine Süße, lauf

Und jetzt wird es easy: Jeden Morgen suchst du dir drei Sachen von deiner Liebes-Liste aus. Und die machst du.

Du gönnst dir etwas. Und zwar jeden Tag. Und zwar 3 x am Tag. Und zwar für verdammte 30 Tage.

Denn es dauert 30 Tage um eine neue Gewohnheit zu installieren. Wenn du es also schaffst, diesen Vertrag einzuhalten (denk dran: Du hast ihn unterschrieben), dann hast einen großen Sprung zum nächsten Level gemacht.

Du wirst es dann schaffen, dir etwas zu gönnen, auch wenn du Geld sparen würdest, wenn du es nicht tätest. Und du wirst dich gut dabei fühlen.

Jaja, wenn das mal so leicht wäre, höre ich dich sagen. Nein, es ist nicht leicht dreißig Tage lang was durchzuhalten, was neu ist. Etwas durchzuhalten, was deinem bisherigen Verhalten zuwiderläuft.

Deshalb gebe ich dir noch ein paar Tools, mit denen du es leichter schaffst.

 

  1. Steig in Schuhe eines anderen. Was würdest du deiner Freundin empfehlen? Sollte sie sich die Massage nach einem harten Tag  gönnen oder besser die Bügelwäsche erledigen?
  2. Sei dein eigener caregiver. Dein Schutzengel. Sei der eine, der immer zu dir steht.
  3. Denk dran: Du wirst mehr geliebt werden. In aktuellen Studien wurde nachgewiesen, dass Menschen, die mehr Fehler machen, mehr geliebt werden. Deine Fehler machen dich sympathischer, weil menschlicher. Wenn du also den Nudelsalat kaufst und zugibst stattdessen zur Massage gegangen zu sein, weil du so groggy warst, werden die Menschen dich dafür mögen.

Und manchmal musst du einfach nur in den Spiegel gucken und das kleine Mädchen erkennen, dass du einmal warst. Dieses kleine Mädchen, dass immer sein Bestes getan hat und einfach nur hören wollte, dass es gut genug ist. Und dass sie es wert ist. Alles wert ist.

Und das zu tun, für dieses kleine Mädchen zu sorgen,  ist heute dein Job!

Sei einfach zu dir so nett, wie du zu anderen bist.

Take care und sei glücklich

 

Deine Claudia

 

 

 

2 Comments

  1. Liebe Claudia, immer wieder stoße ich auf Deine tollen Beiträge und freue mich auch wieder über diesen hier!

    1. Hey Sandra,

      das ist einfach nur schön! Ich freue mich riesig, dass ich dich erreiche und dir etwas gebe. Danke dir.

      Ich wünsche dir einen wunderschönen Abend und schicke dir Inselgrüße

      Claudia