So lange du nicht deine kräftezehrenden Versuche, ständig stark und smart zu erscheinen, einstellst, wirst du niemals  dein volles Potenzial nutzen.

Im Gegenteil: Du bremst dich selber aus.

Nicht Anna, sondern ich sitze in der ersten Reihe vor  unendlich langer Zeit bei der Premiere der Night of the Prom. Open air. Historische Altstadt. Knisternde Spannung. Ich trage eine cremeweiße Marlene Hose zu einer cremeweißen Bluse. Killer Heels. Das Orchester macht den Sound check. Nein, so heißt es nicht beim klassischen Konzerten. Egal, du weißt, was ich meine. Es ist ein Spätsommerabend.  Ungewöhnlich warm. Ich genieße die angespannten, etwas nervösen letzten  Minuten vor dem Beginn des Konzertes.

Das Violoncello beginnt zart, leise zu erklingen. Bratsche, Posaune und Trompete stimmen ein. Ein furioses 120 minütiges Crescendo der klassischen Musik. Alle sind beseelt. Der Abschluss Akkord ertönt. Applaus. Schlussapplaus. Glückliche Menschen . Stehende Ovationen

und ich spüre das warme Blut meine Schenkel hinunterrinnen.

Ich sehe das Blut auf dem Dreieck meiner Scham auf meiner cremeweißen Hose, ohne es wirklich zu sehen. ich weiß, dass es da ist. Drehe meinen Kopf und sehe einen großen Blutfleck auf dem zuvor wunderschönen, edlen, zarten, rosenholzrotem Samt.

Noch heute erinnere ich mich an das Gefühl der Scham. Der Peinlichkeit.

Ich weiß nicht mehr, wie der Abend weiter gegangen ist. Ich vermute, ich habe versucht mir einen Schal oder eine Jacke möglichst dekorativ um die Hüften zu schlingen. Ich werde nach Hause gefahren sein, während die anderen gefeiert haben.

Niemals werde ich das Gefühl der Scham vergessen. Niemals werde ich vergessen, dass ich für lange Zeit damit würde leben müssen, dass die nächste, weiße Hose rot befleckt, die nächste Toilette zum rechtzeitigen Tamponwechsel zu weit entfernt sein würde.

Nach dieser unschönen Episode habe ich weitergemacht wie bisher. Wie alle Frauen. Ich habe versucht mich noch besser vorzubereiten und alles zu tun, damit ich möglichst nicht wieder in so eine peinliche Situation komme. Doppelter Boden sozusagen.

Der Blick auf’s gemeine Volk

Du fragst dich jetzt sicher, was unsere blutende Gemeinsamkeit mit der Entfaltung deines vollen Potentials zu tun hat.

Eine ganze Menge. Wie kann es sein, dass wir uns schämen zu bluten? Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung auf dieser Welt sind Frauen. Die meisten von ihnen bluten während ihrer gebärfähigen Zeit. Das wissen alle Frauen. Und die Männer wissen das übrigens auch.

Wirklich. Ich bin mir da ganz sicher.

Und doch wenden wir Frauen unfassbar viel Energie dafür auf, die Illusion zu erzeugen, dass wir keine Periode haben. Tampons werden verstohlen in der geballten Faust versteckt und die fiesen Bauchschmerzen mit einer Tablette unterdrückt und dann auf ins Office. Du kannst doch nicht einmal im Monat zu Hause bleiben, nur weil du Bauchschmerzen hast.

Was habe ich die Mädels in der Schule arrogant belächelt, die beim Sport auf der Bank saßen nur wegen der Tage. Das wäre mir nie passiert.

Ich hatte ja eine Aufgabe, einen Plan und ein Ziel. Niemals würde ich zulassen, dass diese Schwäche mich ausbremst. Und so halten es so viele Frauen auf der ganzen Welt.

Durchziehen. Funktionieren.

Was meinst du, was dein Arbeitgeber sagt, wenn du dich für deine Tage krank schreiben lässt? Wer dann wohl die Beförderung bekommt?

Du hast ein Loch im Kopf? Weck mich erst, wenn etwas Schlimmes passiert

Und deshalb wenden zahllose Frauen unendlich viel Kraft auf, um auch während Tage zu funktionieren.

Und überhaupt,  Funktionieren ist wie  ein Muskel, den viele Frauen trainieren, als ob ein aufgepumpter Funktionier-Muskel ebenso erstrebenswert wäre, wie ein durchtrainierter und flacher sexy Bauch.

Selbstverständlich können sie schmerzgequält arbeiten. Natürlich kriegen sie den Spagat zwischen Vollzeitjob und Familien-Management hin. Natürlich lachen sie mit, wenn im Männer  dominierten Meeting zotige Witze gerissen werden.

Deprimiert und in Tränen ausbrechen wegen PMS? Machst du Scherze?! Meine Kollegen  nehmen mich doch niemals mehr für voll, wenn ich so jämmerlich bin.

Und so trainieren wir unseren Funktionier-Muskel immer weiter. Immer stärker soll er werden.

„Hör mal Kerlchen, bei mir wirst du keine Schwäche entdecken. Das könnte dir so passen. Und während du noch deine zotigen Witze machst, werde ich dich von links überholen, ohne dass du es überhaupt bemerkst. Denn ich bin nicht nur gut, sondern ich bin auch stark.“

Ich werde dir jetzt etwas sagen, dass dich nicht happy machen wird:

Diesen Kampf wirst du nie gewinnen. Du wirst nie komplett irgendwelche Unpässlichkeiten (was für ein Wort! Wie aus einer anderen Zeit)  oder Besonderheiten deiner Weiblichkeit deckeln können. Du wirst nie wie ein Mann sein.

Und das ist auch verdammt gut so.

Die Luft ist dünn da oben

Wenn du diesen Weg dennoch gehst willst. Wenn du vermeintliche Schwächen und weibliche Besonderheiten versuchst komplett in den Griff zu bekommen, wirst du auf diesem Weg immer mehr deine Weiblichkeit verlieren.

Dieser Weg ist sehr einsam. Wie Rambo, der sich selber seine blutenden, zentimetertiefen Wunden näht, das Gesicht verzerrt und die Zähne zusammen gebissen und der einfach durchziehst. Denn wenn er die Schwäche zugeben würde, seinen Schmerz, seineAngst, zulassen würde, würde er nie seine Aufgabe zu Ende bringen

Du wirst auch die Unterstützung anderer Frauen verlieren, denn sie spüren, wie du in deiner Perfektion, deiner Unangreifbarkeit, deines Nie-Aufgebens, auf sie herabblickst.

Sie spüren deine schlecht getarnten verächtlichen  Blicke, wenn sie erzählen, dass sie den Sonntag mit einer Wärmflasche im Bett verbringen mussten, weil sie Schmerzen nicht aushielten.

Sie erahnen mit ihren feinen Antennen, dass du, obwohl du immer wieder beteuerst, jede Lebensform zu respektieren, sie für schwach hältst, weil sie ihren Job zugunsten der Betreuung der eigenen Kinder aufgegeben haben.

Sie werden sich dir gegenüber nicht öffnen. Sie werden nicht deine Schwestern sein. Denn deine, unter einen unglaublichen Kraftakt praktizierte, Superwomen-Show, macht sie zu Schwächlingen.

Du wirst einsam, weil ihr nicht mehr die gleiche Sprache sprecht.

Der Moment, in dem du zu strahlen beginnst

Zahllose Frauen weltweit ziehen diese Wonderwomen Nummer ab und verschwenden so ihre Kraft für ein sinnloses Ziel.

Doch ganz langsam verändert sich etwas. Ganz langsam spüren immer mehr Frauen, dass das Verleugnen der eigenen Weiblichkeit, der Weichheit, der Schwächen nicht der richtige Weg ist. Dass dieser Weg nicht nur Kräfte raubt, sondern die Frauen  auch kleiner macht als sie sind. Sie spüren die Erleichterung, die es bedeutet sich zu zeigen, wie sie sind.

Wie eine Welle breitet sie sich aus. Diese Erkenntnis, welche Macht darin liegt,  du selbst zu sein. Die Frau zu sein, die du bist. Noch ist es keine Sturmwelle, nicht die perfekte Welle, doch sie gewinnt an Kraft, sie baut sich. Die Gischt der Welle baut sich auf.

Im kleinen und im Großen. Bei dir und bei denen, die für sich und für dich offensiv aufzeigen, einfordern und verlangen. Diese Frauen, die für uns alle sprechen, die uns voran bringen.

Da ist  z.B.  die Instagramerin und Yoga-Lehrerin Steph Gordon, die eine Yoga Sitzung ohne Tampon durchführt und den Clip hochlädt und die sich blutend zeigt und ganz bewusst zeigen will. Die das Ende der Scham einläuten will.

Oder das italienische Parlament, dass aktuell einen Gesetzesentwurf diskutiert, wonach Frauen, die während ihrer Periode unter Schmerzen leiden, monatlich bis zu drei Tagen bezahlten Urlaub erhalten sollen. Eine Vorschrift, die es übrigens in Japan und einigen anderen asiatischen Ländern bereits gibt.

Dann ist da noch das Unternehmen Nike, das bereits 2007 den Menstrual leave für ihre Arbeitnehmerinnen eingeführt hat.

Tick tack

Die Zeit ist reif. Mute dich zu.

Es gibt so viele Einwände. Vielleicht musst du noch kämpfen.

Aber es gibt nur den Weg voran.

Ich will nie mehr auf Frauen herab gucken, die nicht arbeiten, sondern Kinder hüten. Ich will nie mehr Frauen belächeln, die mit einer Wärmflasche im Bett liegen und sich Tee bringen lassen, weil der Regel-Schmerz ihnen den Atem raubt.

Ich will sie respektieren. Und bewundern. Denn sie sind dort, wo wir alle hinkommen sollten.

Unsere Schwächen zu zeigen, ohne die Angst schwach zu erscheinen.

Unseren Mut, verletzlich zu sein, ohne die Furcht, nichts erreichen zu können.

Unser Strahlen, wenn wir uns zeigen, uns aushalten und immer weiter daran arbeiten, uns zu lieben.

Day by day.

Irgendwann wirst du dich lieben. Lange, nachdem es schon  so viele andere tun.

Be you.

Das ist mehr, so viel mehr, als genug. Du bist großartig.

Sei glücklich

 

Deine Claudia

4 Comments

  1. Liebe Claudia.
    Was für ein grossartiger Blog Artikel.
    Ein Hoch auf alle Frauen die sich verletzlich und offen zeigen mit all ihren Facetten.
    Liebe Grüsse Anett

    1. Liebe Anett,

      vielen, lieben Dank. Das mich mich echt happy.

      Es ist so dringend notwendig, dass Frauen, nicht in ihre wertvolle Energie darauf verschwenden, ein besserer Mann zu sein. Viel besser ist es, diese unheimliche Kraft darein zu stecken, die Frau zu sein, die sie sind. Und dann kann die Rakete starten.

  2. So einen wunderbaren Artikel habe ich schon lange nicht mehr gelesen!!! Ich würde mir wünschen, dass wir Frauen alle diese Erkenntnis teilen,. LG Renate

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