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Kürzlich habe ich ein selbst gedrehtes Video eines Trainers gesehen: Verwackelt, starke Windgeräusche im Hintergrund, schlechtes Licht. Der Mann erzählte und warb für seine Dienstleistungen. Hatte eine Story, hatte ein Anliegen. Er beklagte, dass so viele Online Trainer und Coaches sich allzu jämmerlich und voller Selbstzweifel in ihren Marketing-Aktivitäten darstellen. Das würde jeden Käufer abschrecken. Kein Kunde wolle wissen, wie es dir wirklich geht. Der Kunde will eine Lösung für sich kaufen. Wenn du aber unaufhörlich selber Zweifel an dir hast, bist du eben nicht der Richtige, weil nicht erfolgreiche Ansprechpartner.

Eindringlich forderte er seine Trainer-Kollegen auf, sich – so wie er selbst – in ihren Marketing Aktivitäten – darzustellen: kompetent, forsch, mit einem absoluten Erfolgsmindset und lösungsfokussiert.

Dieser Mann war absolut authentisch.

Er hat einfach los geplappert und genau das, was er dachte, in die Welt gelassen. Und doch ging ein wahrer Shitstorm auf ihn los. Die virtuelle Welt war aufgebracht. Er wurde attackiert für

  • die Angriffe anderer
  • für das Verurteilen anderer dafür  ihre Ängste zuzugeben
  • weil er indirekt dazu aufrief sich zu verstellen
  • weil er demotivierte

Warum durfte dieser Mann nicht ungestraft seine Meinung sagen, wo andere doch für diese Art der Ehrlichkeit in den Himmel gehoben werden? Dankbares Feedback bekommen, weil sie den notwendigen Tritt in den Hintern gegeben haben, weil sie aufgerüttelt haben. Weil sie unangenehme Wahrheiten angesprochen haben.

Warum war authentisch bei diesem Mann schlecht und falsch?

Weil es einen großen Irrtum über Authentizität gibt. Denn die Erfolgsformel

authentisch = erfolgreich

ist nicht richtig.

Es braucht viel mehr damit Authentizität funktioniert.

Was heißt eigentlich authentisch?

Authentisch zu sein bedeutet in Einklang mit dir und deinem Herzen zu sein. Du hast jedes Recht und jede Möglichkeit dich neu zu erfinden. Jeden Tag auf Neue.

“ Wer bin ich und wie viele.“ David Precht

Diese Freiheit bringt auch eine ungeheure Verantwortung mit sich. Es geht darum jenseits aller Rollen einen Weg zu finden dich und deinen Kern zu transportieren. Das ist mühselig und erfordert eine Höchstmaß an Einsatz.

Aber es ist nicht authentisch, einfach nur ungefiltert deine schlechte Laune in die Welt hinaus zu lassen.

Harald Schmidt sagt einmal,er sei gar nicht daran interessiert, wer er wirklich sei, sondern akzeptiere sich voll und ganz als „Charaktermaske“.

Du bist dir schon sehr genau bewusst, dass dein reines du selbst zu sein nicht ausreicht.

Bist du total negativ? Es wird regnen, am Konfirmation-Sonntag. Die Party geht den Bach runter und ach herrjemine – und das mit der Liebe ist auch schei*e?

Das interessiert niemanden. Warum sollte es das auch? Niemand will deine schlechte Laune, deine schlechte Stimmung, nur weil sie authentisch ist.

Wie authentisch funktioniert?

Die offenherzig-naive Ehrlichkeit ist nicht gefragt. Gewünscht ist eine Art selektiver Authentizität, bei der du genau jene Seite von dir zur Schau stellst, die positiv besetzt ist. Das kann auch eine negative Eigenschaft sein. Wenn sie verbunden ist mit einer Erkenntnis, einem Learning, das anderen Menschen nützt.

Kein Mensch will einfach so wissen, ob du einen schlechten Tag hattest. Auch wenn du  einfach schlecht drauf bist und auch nicht besser darauf kommen willst und einfach nur jammern und klagen und wieder jammern möchtest, interessiert das niemanden.

Wenn du aber eine Botschaft hast, warum genau dieses Erleben anderen hilft, dann hast du die Aufmerksamkeit . Denn die anderen sind nicht dafür da, dass du dich auskotzen kannst. Es geht darum, ob deine Ehrlichkeit hilft. Ob die Tatsache, dass du die Hosen runterlässt, für irgendjemanden hilfreich ist. Oder ob es dir nur darum geht, dich zu präsentieren, Lob einzuholen, auf dicke Hose zu machen, dich zu präsentieren.

Und das – interessiert niemanden.

Es erfordert also richtig viel Einsatz authentisch zu sein. Und zwar ehrlich und unverfälscht und trotzdem marketing-tauglich. Und du musst dir dabei bewusst sein, dass es keinen unwandelbaren Authentizität-Dingens-Faktor gibt. Die Authentizität ist so wandelbar wie das Wetter im Mai in Deutschland. Es geht darum dich selbst immer wieder neu einzustellen.

Es gibt keinen short-cut zur Authentizität. Du musst den Weg gehen. steinig und anstrengend. Du musst wirklich arbeiten. Du musst Verpflichtungen eingehen. Du musst dranbleiben. Du musst an dich selbst glauben. Darfst nicht den Glauben verlieren .

Die wirkliche Authentizität erreichst du erst, wenn du bereit bist deine Verletzlichkeit zu zeigen. Die echte und nicht die zur Schau gestellte scheinbar gut verkäufliche Verletzlichkeit. Die Verletzlichkeit, bei der du wirklich dich rüberbringst, deine Erfahrungen, deine Verletzungen, deine Erlebnisse. Wenn du diese Seite von dir zeigst, um andere Menschen zu unterstützen, um ihnen mit deiner Erfahrung, deinem Scheitern, deinem  Zweifeln, deinem Wissen zu helfen, sie voran zu treiben. Erst dann, wenn du bereit ist, diese echte Du  zu zeigen, funktioniert Authentizität.

Denn genau dann gehst du volles Risiko. Du gehst das Risiko ein in all deiner Authentizität nicht  gemocht zu werden.

Das sieht dein Plan nicht vor. Oder? Du bist authentisch. Wahrhaftig, ganz du selbst. Aber du musst begreifen, dass das nicht die Garantie zum Gemochtwerden und für positives Feedback ist.

Das ist eine bittere Erkenntnis.

Aber genau da ist deine Freiheit. Es mag dich nicht jeder in deiner Authentizität, deiner Offenheit, deiner Ehrlichkeit.

Durchatmen, und noch einmal.

Wo bleiben die likes? Wo ist der Zuspruch? Das pushen? Das vorantreiben? Es ist nicht da. Aber das macht nichts. Lass es los. Irgendwo da draußen gibt  es einen Menschen, den du mit deiner Botschaft erreichst. Und dieser eine Mensch reicht. Du ziehst es durch, du bleibst du selbst. Vergisst die Außenwirkung. Vergisst das sharing und die likes. Und lässt dich einfach fallen. Fallen in das Gefühl.

Erst dann wird deine Authentizität erfolgreich sein. Weil du  dich öffnest. Du öffnest dich in dem Bewusstsein, dass deine Offenbarung und Erkenntnisse  anderen Menschen helfen wird sie auf das nächste Level zu bringen. Zumindest einen Menschen dort draußen. Genau dieser Mensch braucht deine Unterstützung. Und deine Ehrlichkeit und Authentizität erreicht ihn.

Und das ist der wahre Grund warum Authentizität so elementar ist für uns. Weil du dich dadurch mit anderen Menschen verbindest. Du zeigst wer du bist. Getragen von dem Wunsch gemeinsam zu wachsen. Du lässt die Hosen runter. Und du wächst. Und du schaust dich an und begrüßt dein neues-fremd-vertrautes Me. Du bist authentisch.

Aber du erwartest nichts dafür. Du willst es einfach sein. Weil du weißt, dass du nur so andere Menschen erreichst. Und genau das reicht dir. Denn diese Verbindung erfüllt dich und bringt dich voran.

Deine Claudia

8 Comments

  1. Liebe Claudia,

    Dein Artikel über ich nenne es mal „authentische Authentizität“ (was ein Zungenbrecher ;-)) hat mich sehr angeprochen und mir Einiges noch klarer gemacht:
    Bevor ich wahrhaftig authentisch sein kann, muss ich wissen wer ich Selbst bin. Das zu erkennen fällt mir viel leichter, wenn ich den Mut habe mich auch verletzlich zu zeigen. Je authentischer ich bin, desto verbundener bin ich mit mir und dadurch auch mit anderen.

    Herzlichen Dank dafür,
    Petra

    1. Liebe Petra,

      du hast einen tollen Zungenbrecher geschaffen. Herrlich.

      Genau das ist der Punkt: Der Mut verletzlich zu sein, eröffnet erst die Möglichkeit wirklich bei dir zu sein. Und genau dann kannst du authentisch sein. Es ist super schön, dass dir der Artikel geholfen hat an diesem Punkt mehr Klarheit zu bekommen.

      Liebe Grüße

      Claudia

  2. Die beste Gute-Nacht Lektüre seit Langem. Ich frage mich tatsächlich ob ich authentisch bin. Vielleicht schon, vielleicht nicht immer. Vielleicht gehört das „nicht immer“ ja zu mir? Vielleicht denke ich zu viel 😉
    Ich lese deine Posts stets mehrmals. Big Love

    1. Liebe Doro,

      und das sind die besten Komplimente seit langem: beste Gute-Nacht-Lektüre und mehrfach gelesen zu werden. Danke dir sehr. Der thrill „Vielleicht gehört das „nicht immer“ ja zu mir?“ ist genial. Also sozusagen un-authentisch authentisch 😉 ? oder so .

      Allerliebste Grüße