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Du bekommst unendlich viel Wissen und Strategien angeboten, die dir helfen sollen, Dinge oder auch dich  selbst besser zu machen. Ob durch Blogposts wie diese, Zeitungsartikel, Ratgeber oder Seminare – es hört sich so einfach an. Du musst einfach nur das Erlernte umsetzen und in deinen Alltag integrieren. Voller Vorfreude stellst du dir vor, wie du mit dem neuen Wissen  ein konkretes Problem löst, dein Timemanagement optimierst oder Verbesserungen an deiner ganz persönlichen Baustelle schaffst. Du siehst alles ganz klar vor dir. Du hast eine Erkenntnis gewonnen und brennst darauf diese umzusetzen.

Aber (es gibt immer ein aber) die Umsetzung  klappt trotz des Wissens und der Erkenntnis nicht. Du behältst die Aufschieberitis, du verbringst weiterhin zu viel Zeit mit Social Media oder du fällst in Konfliktsituationen  in alte Verhaltensmuster zurück. Woran liegt das?

Auf dieses leidige Thema, das wir alle nur zu gut kennen, bin ich über eine skurrile Verhaltensweise von mir gekommen. Im Sommer habe ich mit meinem Mann einen wunderschönen Urlaub in England verbracht. Und bei jeder Autofahrt wiederholte sich das gleiche Spiel: Wenn das Navi ansagte „bitte links abbiegen“ wies ich meinem Mann als gute Beifahrerin per Handzeichen darauf hin, dass er rechts abzubiegen hat, was eindeutig falsch war. Warum ich jedes Mal in die falsche Richtung gezeigt habe, war mir nicht klar. Ich habe vermutet, dass es etwas mit einer Prägung in meinem Gehirn zu tun hatte.  Die Sache ließ mir keine Ruhe und nach etwas Recherche wurde relativ schnell klar, was sich in meinem Kopf abgespielt hat.

Wenn wir Wissen erwerben, bedeutet das nicht, dass wir dieses automatisch in unseren Alltag umsetzen können. Die erworbenen Informationen werden zwar irgendwo abgespeichert, aber um dieses Wissen nutzen zu können, ist ein Wissenstransfer erforderlich.

Was sich bei den Autofahrten in  England abgespielt hat, ist ein sogenannter negativer Wissenstransfer. Das bedeutet, dass das Wissen, dass ich zuvor erworben habe – nämlich Autofahren im Rechtsverkehr – für mich im Linksverkehr  hinderlich war. Mein Kopf konnte offenbar nicht schnell genug umschalten.  Durch das  bisher Erlernte war ich schlechter, als es beispielsweise ein Fahranfänger in Großbritannien wäre, der meine Vorerfahrung nicht hätte. In meinem Hirn war links abbiegen als eine Gefahrensituation abgespeichert. Da unser Linksabbiegen im Hinblick auf etwaige Gefahren in Großbritannien dem Rechtsabbiegen entspricht, habe ich zwar das vorhandene Wissen übertragen – aber leider eben falsch.  Zunächst einmal bin ich  sehr froh, dass ich nur Beifahrerin war.

Aber diese Episode hat mir verdeutlicht, dass das ganze fortwährende Lernen relativ sinnlos ist. Du brauchst ein Gerüst, um das Erlernte einzuordnen und umzusetzen. Sonst verschwindet es im Nirwana und bringt dich keine Stück weiter. Du musst ein Managementsystem  für dich einrichten, um das Erlernte zu prüfen, zu sichern und umzusetzen.

Ist das Angebot für dich von Relevanz?

Wir werden überschüttet mit Informationen. Zunächst solltest  du dir die Frage stellen, ob das angebotene Wissen für dich und dein Leben überhaupt von Relevanz ist, ob es für dich passt. Oftmals lassen wir uns zuschütten mit Wissen, das sicher grundsätzlich interessant ist. Es stellt sich aber die Frage, ob es für dich und dein Leben wirklich wichtig und essentiell ist. Wenn du merkst, dass du diese Frage nicht aus vollem Herzen bejahen kannst, solltest du es einfach weglassen. Denn nur dann, wenn du es als wichtig für dich erachtest, wirst du dieses Wissen umsetzen. Ansonsten ist es nur Ballast für dich.

Bekommst du neue Inhalte?

Außerdem solltest du dich fragen, ob das angebotene Lernmaterial für dich überflüssig ist, weil du diese Informationen bereits hast. Wie oft lesen und arbeiten wir uns durch Artikel oder Bücher, in denen uns Informationen, die wir bereits haben, lediglich in einem neuen Gewand angeboten werden. Es lohnt sich nicht mit Angeboten dieser Art  Zeit zu verschwenden, denn unser Hirn wird sehr schnell erfassen, dass wir nichts wirklich Neues angeboten bekommen.

Hast du die notwendige Vorbildung?

Ein ganz wichtiger Punkt ist auch, ob das Wissen, das uns angeboten wird, bei unserem aktuellen Wissenstand andocken kann. Gibt es eine Basis dafür? Genügt unser Vorwissen? Wenn ich beispielsweise eine Physikvorlesung  von einem extrem guten Professor besuchen würde, wäre das sinnlos. Mein vorhandenes Wissen in diesem Bereich würde in keinem Fall die notwendige Basis bieten, um das Vorgetragene überhaupt zu erfassen. Obwohl ich definitiv nicht in Frage stellen möchte, dass in dieser Vorlesung sehr hochwertiger Content angeboten würde. Aber mir nutzt er nichts, weil ich ihn auf Grund meines fehlenden Vorwissens nicht verstehen  und anwenden kann.

Und was dann?

Das bedeutet für mich  ganz konkret, dass ich, bevor ich mich in einen neuen Workshop, ein Seminar oder einen Artikel vertiefe, zunächst prüfen muss, ob die Voraussetzungen gegeben sind, die es mir überhaupt erst ermöglichen, das angebotene Wissen anzunehmen und umzusetzen. Wenn ich das nicht bejahen kann, schenke ich es mir. Gut, nehmen wir nun an, dass du entschieden hast, das ein Artikel für dich von Relevanz ist und du auch die notwendigen Voraussetzungen mitbringst, um zu lernen. Dann beginnt  der eigentliche Prozess. Du musst dieses Wissen managen und in die richtigen Bereiche übertragen. Dieser Transfer ist komplex (das ist auch der Grund, warum wir so oft wirklich hochwertiges Erlerntes nicht umsetzen können).

Du musst dir während des gesamten Prozesses bewusst machen, dass du einen aktiven Part hast. Deine Absicht muss sein etwas lernen, verstehen und umsetzen zu wollen. Das erscheint selbstverständlich, aber ich beobachte mich oft dabei, dass ich Wissen einfach konsumiere. Ich lese Statistiken, wertvolle Informationen, bin beeindruckt und gleichzeitig aktiviere ich aber nicht meine Gehirnzellen entsprechend und achte nicht darauf, das Wissen auch wirklich einzuordnen, zu verknüpfen und zu  übertragen. Dieser Schritt ist aber notwendig, denn sonst versickert das Wissen.

Gleichzeitig ist es wichtig, dich zu fragen, was du genau mit dem Wissen anfangen willst. In welchen Bereichen deines Lebens oder deines Jobs willst du es einsetzen? Wo hat es für dich Relevanz? Indem du dir hierüber Klarheit verschaffst, erstellst du Verknüpfungen, du machst das Wissen weniger abstrakt und hauchst ihm  Leben ein.

Und last but not least, brauchst du Mut. Du brauchst den Mut etwas anders zu machen als bisher. Dieser Schritt ist ziemlich schwierig, denn das Altvertraute anzuwenden ist leichter. Auch wenn wir mit dem Erfolg nicht immer zufrieden sind, ist es etwas, mit dem wir bislang mehr oder weniger gut gelebt haben. Neues Wissen anzuwenden, bedeutet, neue Strategien auszuprobieren, darauf zu vertrauen, dass sie funktionieren. Es bedeutet, unsicher zu sein und ein Misslingen in Kauf zu nehmen.

„Much learning does not teach understanding.“ Heraclitus

Du siehst, es braucht ziemlich viel, um neues Wissen in den Alltag zu übertragen und anzuwenden. Und noch viel mehr braucht es, um dabei zu bleiben. Wenn ich mir dieses komplexe System  bewusst mache, stimmt es mich etwas versöhnlich, weil ich verstehe und akzeptiere, warum es mir nicht immer gelingt, Erlerntes umzusetzen. Aber dieses  System zu verstehen, bedeutet auch, dass du die Möglichkeit hast einzugreifen und den Prozess zu beeinflussen und so erworbenes Wissen wirklich für dich zu nutzen.

Deine, definitiv nicht  zum Linksfahren geeignete

 

Claudia