Stilleben

Anna liegt wieder einmal mitten in der stillen Nacht hellwach in ihrem Bett. Ihre Gefühle fahren Achterbahn. Sie ist wütend auf ihren Mann, DIE andere Frau und am meisten auf sich selbst.   Annas Abende bieten immer wieder Explosionsstoff für ihr Gefühlsleben.  Und so war es auch bei der Party, die sie gerade mit ihrem Mann besucht hat.

Es war ein perfektes Fest: sympathische Menschen, gutes Essen, hervorragender Wein, stimmungsvolles Ambiente und viel Spaß. Anna unterhielt sich  mal hier, mal dort, tanzte und hatte einfach eine Menge Spaß. Irgendwann setzte sie sich zu  ihrem Mann und der Runde, die am Kamin saß. Die Gespräche plätscherten vor hin, Anna genoß das wohlige, wärmende Gefühl des Feuers und hörte einfach zu.  Ihr Mann unterhielt sich gerade mit einer Frau über irgendwelche Aktiengeschichten; eine Sache, die  Anna eher nicht  interessierte. Außerdem war die Frau ihr ein bisschen zu laut, ein bisschen zu egozentrisch, ein bisschen zu sehr von sich eingenommen (Achtung: trigger no. 1?) und erzählte gerade von dem unangenehmen, administrativen Krams, der mit dieser Art von Geschäften vorbunden sei. Und ach, wie lästig das doch sei. Annas Mann, der sehr viel Spaß an dem Gespräch hatte (Achtung: trigger no. 2?) konterte nonchalent wie Karlson vom Dach und täschelte dabei liebevoll (oder gönnerhaft? Achtung: trigger no.3) Anna Schulter und sagte stolz, dass er diesen banalen Krams an seine liebste, wunderbare Frau abgegeben habe und deshalb das unglaubliche Glück habe von diesen profanen Tätigkeiten frei zu sein („verdammt, der meint mich“ dachte Anna entrüstet und da ist der trigger no. 4).

Natürlich flippte Anna aus. Und zwar ohne nachzudenken. Ohne durchzuatmen. Sie zischte ihrem Mann zu, dass es eine Frechheit sei, was er da abziehe. Sie schoss einen Schwall wohlerzogener und in  wohltemperierter Lautstärke, dennoch tödlicher giftiger Pfeile auf ihn ab. Und  DER Frau sagte sie, dass sie sehr wohl andere und wichtigere Dinge zu tun habe, als blöde Aktien-Zettel abzuheften (oder so). Anna war blind, denn sonst hätte sie natürlich die Frage dieser Frau kommen sehen: „Was machst du denn so?“ Es schoß Anna durch den Kopf, dass sie lieber lachen und sich aus der Geschichte ziehen sollte. Sie wusste, dass sie nur reagierte und überhaupt nicht auf sich aufpasste und ins offene Messer lief. Anna wollte loslegen und von ihrer Selbstständigkeit, die sie so engagiert betrieb, erzählen, von ihren Erfolgen und von ihren Zielen. Und doch kam sie sich so lächerlich dabei vor und stammelte mit leisem Stimmchen nur etwas von Job, Business, selbstständig. Und hielt die Klappe. Und schwups waren alle auch schon bei einem anderen Thema. Anna verließ die Kamin-Runde und die Party ging weiter.

Und jetzt liegt Anna im Bett und fragt sich, was genau sie eigentlich so aufgeregt hat.

Oh Anna, solche Situation kennen wir alle: Irgendwas triggert dich wahnsinnig an. Und du gehst ab. Verlierst die Kontrolle, was gar nicht schlimm ist. Aber wir sollten schauen, warum wir so abgehen.

War es Annas Mann der sie in Rage gebracht hat? War es DIE Frau? Um was geht es eigentlich wirklich? Um dumme Aktien-Zettel?

Achtung: Das Folgende soll jetzt keine pauschale Bewertung sein. Ich spreche von Anna und ihren Schwestern. Und wenn du dich darin wiederfindest, auch von dir.

Die laute Frau (trigger no. 1)

Warum fühlte sich Anna von der „lauten“  Frau provoziert? Was ärgert dich daran? Du willst doch immer, dass Frauen selbstbewusst und präsent sind und sich das nehmen, was sie wollen. Auch mal un-harmonisch, auch mal kantig, auch mal fehlerhaft und dadurch un-perfekt perfekt.

Viele Frauen haben große Probleme damit sich und ihre Leistungen öffentlich darzustellen. Und zwar auch wenn sie es falsch finden. Da fehlt die Bescheidenheit, die Zurückhaltung, das Charmante. Das ist schlimmstes Angeben. Nein, nein, das habe ich nicht nötig.

Etwas anders gilt selbstverständlich für unsere Schwestern im Geiste, unsere Freundinnen. Wir feiern ihr Selbstbewusstsein und ihre Auftritte, ihre Erfolge wie #champagnermomente. Sei laut und wild.

Aber diese ANDERE Frau ist nicht deine Freundin und schon fühlst du dich unsicher und klein während sie selbstbewusst auftritt. Und sie hat nichts getan. Aber in dir hat sich etwas getan.

Warum lacht der mit einer anderen (trigger no. 2)

Dazu gibt es nicht viel zu sagen. Du weißt es. Es ist albern.

Aber hey, wenn DIE andere dich so verunsichert, dass du dich klein fühlst, ist es kein Wunder, dass du den leisen, feinen Stich der Eifersucht spürst.

Weg damit. Überflüssig darüber nachzudenken.

Karlson vom Dach (trigger no. 3) ist cleverer als ich (trigger no. 4)

Es ärgert dich, wenn dein Mann wie Karlson vom Dach Hof hält. Macht er das überhaupt? Ist das nicht vielleicht ein ganz normales Gespräch?

Vielleicht ärgert dich mehr, dass er sich mit seiner Schlauheit brüstet, eine unangenehme Arbeit auf dich abgeladen zu haben. Und das ist auch schlau. Er erzählt nur Fakten. Möglicherweise ist es dir  nur peinlich, dass diese Fakten öffentlich werden.

Er ist schlau, weil er die Arbeit los ist

und

du bist der Depp, der sie macht.

Das sind leider die Fakten in Annas Fall.

Wenn du alles zusammen nimmst, geht es in dieser Geschichte nicht um DIE Frau oder Annas Mann. Es geht  immer nur um Anna. Es geht in diesen Geschichten  immer nur um dich.

Die anderen sind nur deine Spiegel.

Du siehst etwas von dir, dass du nicht magst.

Etwas, dass du lieber im Dunkeln lässt.

Etwas, von dem du dich klein gemacht fühlst.

Situationen, die dich aus der Bahn werfen. Traurig machen. Unsicher zurücklassen.

Wenn du dich mit dir beschäftigst, statt mit den anderen, wird es leichter fallen, das nächste Mal souveräner zu bleiben und einfach mal mitzulachen.

Feiere dich mal so richtig

Mach dir mal alle deine Fähigkeiten, deine Erfolge und Tätigkeiten bewusst. Feiere dich wie einen Star.

Schieb die kleinen Teufelchen beiseite, die dich glauben machen wollen, dass es immer noch nicht genug ist. Du bist großartig!

Mach mal Frühjahrsputz

Wenn es Sachen gibt, die du tust und nicht tun willst, dann hör auf damit. Es ist deine Entscheidung, deine Konsequenz und möglicherweise auch dein Kampf. Gib nicht dem Leben, deinen Eltern und auch nicht deinem Mann die Schuld.

Wenn ich jemanden finden würde, der mir die Sachen machen würde, auf die ich keinen Bock habe, würde ich auch diese Chance nutzen.

Die Dosis macht die Hilfe

Ich fürchte bei Anna reichen nicht die kleinen Booster, um ihr fragiles Selbstwertgefühl zu stärken. Da sitzt irgendwo noch ein ganz tiefer Schmerz nicht genug zu sein. Keine Fehler, keine Schwächen, immer perfekt. In deiner Unsicherheit kratzt die kleinste Kritik sofort an deiner Person, deinem Selbstwertgefühl, deinem Innersten.

Deshalb bist du auch gekränkt, wenn sich jemand groß darstellt. Du setzt diese Aktion immer in Relation zu dir. Und in deiner Unsicherheit bohrt sich jede Kränkung bis in dein Innerstes.

Es hat einen wissenschaftlich fundierten Grund, warum Frauen jede Kritik so leicht annehmen. Das weibliche Gehirn ist anders beschaffen als das männliche und trägt das „Wird-schon-stimmen-die-Kritik-ich-bin-auch-wirklich-zu-dick-zu-dünn-zu-doof“ GEN in sich. Der  vordere cingulären Cortex, das ist der Bereich, wo unsere Gefühlszentrale, unser Empathie-Zentrum sitzt, ist bei Frauen deutlich größer als bei Männern. Und dieser Bereich geht sofort in den Alarm Stufe rot Bereich, wenn du als Frau ein negatives Feedback bekommst. Oder auch zu bekommen glaubst.

„The bad stuff is easier to believe.“ Pretty Woman

Wenn du also das nächste Mal auf einer Feier eine LAUTE Frau erlebst, dann geh zu ihr hin, lerne sie kennen, hab Spaß mit ihr und sei neugierig auf sie. Denn sie ist nicht dein Problem. Sie ist deine Schwester.

Deine Claudia

 

 

7 Comments

  1. Oh wieder mal wunderbar auf den Punkt gebracht! Ich sage immer, wenn dich jemand „antriggert“ und du die „Schuld“ bei dem anderen suchst, dann ist es so: du guckst in den Spiegel, siehst einen fetten Fleck auf deiner Stirn, fängst an den Spiegel zu putzen und wunderst dich warum der Fleck nicht verschwindet.
    Danke für diesen Artikel, wundervoll geschrieben!

  2. Super !! Wieder einmal SOWASVON auf den Punkt gebracht, liebe Claudia !
    Genau, es ist der „Lebensberechtigungsschein“ – den sich Anna und vielleicht auch einige ihrer Schwestern noch nicht ausgestellt haben. Ich arbeite da auch noch dran, an diesem Zertifikat ;))

  3. Was für einen wunderbare Geschichte mit einem so wahren Kern! Ja, wir Frauen machen uns gerne kleiner, als wir sind. Wir verstecken uns, obwohl in uns das Feuer brennt. Wir ärgern uns über diejenigen, die da schon einen Schritt weiter sind und das Selbstbewusstsein scheinbar schon in die Wiege gelegt bekommen haben. Dabei sollten wir doch diese Frauen als Inspiration sehen – hier können wir uns etwas abschauen, uns selbst motivieren, mehr aus uns herauszugehen, wenn wir nur beginnen, den Blickwinkel zu verändern. Wir können laute Frauen (und anderer schöne Trigger) einfach einmal ganz bewusst versuchen, positiv zu sehen, unvoreingenommen. Dann eröffnen sich plötzlich ganz neue Perspektiven. Der erste Schritt ist doch immer, sich dessen überhaupt bewusst zu sein, was da auf einmal abläuft. Dann haben wir die Chance, etwas zu verändern – jeden Tag und in jeder Situation aufs Neue. Übung macht den Meister 🙂

    1. Liebe Clarissa,

      danke für deine lieben Worte und dein ausführliches Feedback. Ja, das sehe ich auch so: Wir sollten versuchen unsere Trigger zu erkennen und zu entlarven und die Chancen nutzen, die sich uns offenbaren in genau diesen Momenten. Bist du schon ein Meister oder noch auf dem Weg?

      Liebe Grüße

      Claudia