Kennst du das auch? Es gibt eine Eigenschaft oder ein Verhalten an dir, dass dir immer wieder vorgeworfen wird. Du bist so egoistisch! Du hörst nicht zu! Du hast kein Durchhaltevermögen! Irgendein Verhalten, dass  typisch für dich ist und dass du und andere als Schwäche wahrnehmen.

Manchmal wird es auch nicht als Vorwurf, sondern als Sorge formuliert. Gerade unter FreundInnen kommt es immer wieder vor, dass an dich wohlmeinend etwas herangetragen wird, motiviert von der Sorge, dass genau diese Eigenschaft dich immer wieder zu Schmerzen führt.

Und diese Schwäche, zieht sich wie ein roter Faden durch dein Leben. Immer und immer wieder hast du es gehört. Irgendwie gehört diese Eigenschaft oder dieses Verhalten anscheinend zu dir und du kannst diese Schwäche  einfach nicht ablegen.

Ein kleines Beispiel aus meinem Leben. Vor einiger Zeit  habe ich einen Abend mit einer Freundin verbracht. Wir hatten einen typischen Frauenabend mit Themen, die in Windeseile gewechselt wurden und einem extrem schnellen Sprachtempo und einem Informations-Update auf allen möglichen Ebenen. Und plötzlich war er wieder da. Dieser Vorwurf, den ich schon oft gehört und den ich mir noch öfter selber gemacht habe: mein Helfer- und Kümmerer-Syndrom. Wenn Menschen, die mir wichtig sind, ein Problem haben, lege ich los. Ich bin sofort dabei, Lösungen für das Problem zu finden. Und zwar gefragt und ungefragt. Dies Verhalten ist getragen von dem Wunsch, dass es den Menschen, die ich mag und liebe, gut geht. Und ich weiß auch, dass ich eigentlich lieber anderen helfe als mir selbst.

In der Regel reagiere ich auf Ansprachen, wie der von meiner Freundin,  freundlich-verbindlich, aber ich setze mich nicht wirklich mit der Situation auseinander. Aber nach diesem Abend tat ich es und habe dabei realisiert, dass eine Schwäche auch eine Stärke sein kann – es kommt auf die Dosis und die Umsetzung an.

Was ist die Essenz deiner Schwäche? 

Was wohnt jeder Situation inne, wenn deine Schwäche zuschlägt? Was ist deine Motivation? Warum handelst du genau so und nicht anders? In meinem Beispiel ist es der Wunsch zu helfen und zu unterstützen. Da ist der Wunsch, anderen Hilfe zu geben, Lösungen und Verbesserungen für sich  zu finden. Wenn ich unterstütze, fühle ich mich wohl.

Tatsächlich ist das Verhalten, wenn deine Schwäche zu Tage tritt,  lediglich das Vordergründige und Sichtbare. Aber was ist das Muster hinter diesem Verhalten und die Motivation, die dahinter  steht? Wenn du dich mit deiner Schwäche auseinandersetzt, wirst du unterschiedliche Motive entdecken, die du bislang möglicherweise noch nicht wahrgenommen hast. Die Motive können mannigfaltig sein:

  • Hast du das Gefühl die Kontrolle behalten zu müssen?
  • Denkst du, dass du die Probleme besser lösen kannst als andere?
  • Möchtest du mehr Anerkennung für das was du tust?

Das sind nur einige Beispiele. Versuche für dich herauszufinden, in welchen Situationen genau  deine Schwäche auftritt und was deine Motivation ist. So wirst du die Essenz deiner Schwäche erkennen.

 

Was genau macht das Verhalten zu einer Schwäche?

Objektiv gesehen, gibt es keine Schwäche. Die Definition eines Verhaltens als Schwäche ist von vielen Faktoren abhängig; was in dem einen Kulturkreis eine Schwäche ist, stellt in einer anderen Umgebung eine Stärke dar. Diese Erkenntnis ist essentiell. Denn sie ermöglicht es dir, eine gewisse Distanz zu dem Vorwurf der Schwäche zu bekommen und diese zu relativieren.

Deshalb ist es   auch nicht wichtig, ob andere dir diesen Vorwurf machen, sondern frage dich vielmehr,  ob du selber das Verhalten als Schwäche empfindest. Steht es dir im Weg? Ist dein Verhalten hinderlich für dich?  Wäre dein Leben besser, einfacher und schöner, wenn du diese Schwäche nicht hättest? Oder wird das Verhalten erst im Zusammensein mit anderen zu einem Problem? Analysiere und untersuche deine Schwäche und beleuchte sie von allen Seiten wie ein Forscher.

Bist du z.B.  sprunghaft? Wie und wann äußert sich diese Schwäche? Was sind die Folgen deiner Sprunghaftigkeit? Mach dir zunächst klar, dass der  vermeintlichen Schwäche, sprunghaft zu sein, auch eine fabelhafte Kompetenz innewohnt: Die Fähigkeit spontan und flexibel zu sein. Deine Schwäche hat wie eine Medaille eine Kehrseite, die du positiv und zielführend für dich einsetzen kannst. Diese Erkenntnis, dass deine Schwäche auch eine positive Seite hat, wird es dir leichter machen, diese Eigenschaft als Teil deiner Persönlichkeit zu akzeptieren. Du kannst dich mit deiner Schwäche versöhnen. Es geht deshalb nicht warum, diese Eigenschaft auszuradieren. Vielmehr ist es entscheidend, wie du aus dieser Schwäche eine Stärke machst.

Was braucht es also, um diese  Schwäche zielführend für dich einzusetzen? Könnte dir ein zusätzliches Verhalten, das ich Konterstärke nenne, dabei helfen, diese Eigenschaft positiv für dich umsetzen? Bleiben wir bei dem Beispiel, dass du sprunghaft bist und für dich herausgefunden hast, dass der Grund für deine Sprunghaftigkeit  ist, dass du dich für sehr viele Dinge interessierst. Du magst dich deshalb nicht festlegen. Versuche  herauszufinden, welche dieser Interessen dich im Moment am meisten fesselt. Richte deinen Fokus auf dieses Interesse und verordne dir als Konterstärke ein diszipliniertes Verhalten. Du kannst eine Art Vertrag mit dir schließen, dass du dich für einen festgelegten Zeitraum ausschließlich auf  diese Thema fokussierst. Erlaube dir selber, dich nach Ablauf des „Vertrags“ wieder einer deiner anderen Interessen zuzuwenden. So wird die Zeit der Disziplin für dich überschaubar und leichter durchzuhalten.

Durch den Einsatz der Konterstärke „Disziplin“ kannst  du  dein Interesse für viele Themen kontrollieren und effektiv nutzen. Dein bislang sprunghaftes Verhalten kannst du so für dich positiv einsetzen und   die dahinterliegende Stärken – Spontanität und Flexibilität – effektiv für dich nutzen.

Alternativ könntest du  versuchen herauszufinden, ob es überhaupt notwendig ist, den Fokus ausschließlich auf eine deiner  Interesse zu legen. Siehst du stattdessen die Möglichkeit mehrere Interessen zu kombinieren?

Die Dosis macht das Gift. 

Du siehst, dein Verhalten ist nicht zwingend eine Schwäche. Nur dann, wenn du der Schwäche unkontrolliert Raum gibst, kann sich das Verhalten schlecht für dich auswirken. Es geht also nicht darum, dass du eine Eigenschaft ablegst, die zu dir gehört und die dich auch ausmacht. Sondern erkenne  stattdessen die Essenz und die Kehrseite dieser Schwäche. Durch den Einsatz  anderer, zusätzlicher  Verhaltensmuster kannst du diese Eigenschaft sinnvoll für dich einzusetzen. So wird deine vermeintliche Schwäche zu deiner größten Stärke.

Ganz liebe Grüße

 

Claudia