Du kannst dich entscheiden: Entweder du willst, dass die Menschen dich  verstehen und dir deshalb freiwillig geben, was du dir wünschst. Oder dir ist es wichtiger, dass du es bekommst.  Auch wenn das manchmal bedeutet, dass sie nicht deiner Meinung sein.

Stell dir vor,  dass Variante A das We-totally-understand-each-other-Land ist. In Land A lieben und verstehen all einander.  Variante B ist das Ist-halt-so-Land. Dort ist es eben wie es ist; dort musst du damit leben, manchmal nicht gemocht zu werden.  Zwischen beiden Ländern  liegt ein reißender,  breiter Fluß, mit einer heimtückischen und reißenden Strömung. Es gibt keine Fähre und keine Brücke und auch kein Internet. Es ist die Zeit vor unserer Zeit. Mit den kleinen Booten, die die Menschen in dieser fernen Vorzeit hatten, war es unmöglich ans andere Ufer zu gelangen.

Obwohl es nur ein 200 Meter breiter Fluß ist, ist die natürliche Grenze unüberwindlich. Die We-totally-understand-each-other- und die Ist-halt-so-Einwohner werden einander niemals kennenlernen. Sie sind Fremde. Sie wissen nichts voneinander.

Gar nichts.

Sie sehen sich zwar. Sehen deutlich die Konturen der fremden Menschen auf der anderen Seite des Flusses. Doch es gibt keinerlei Kommunikation. Kein Verstehen.

Die Menschen aus den Ländern, die einander nicht verstehen, sind scheinbar so nah. Doch ein unüberwindliches Hindernis trennt sie.

Kürzlich war ich in einem Lokal am Airport in der Stadt Nirgendwo im Land Sowieso Zeuge einer Unterhaltung zwischen einem Paar. Ein Mann und eine Frau. Sehr attraktiv, sophisticated, kosmopolitisch. Ganz offensichtlich liiert. Schon lange liiert. Sie sprachen miteinander, doch sie waren in verschiedenen Welt. Sie waren ausgesucht nett und höflich zueinander. Aber sie sahen sich nicht an. Das Gespräch schien in einer Art Dauerschleife zu laufen. Automatisiert.

Doch plötzlich stieg der Spannungsbogen der Unterhaltung an.  Die Frau wirkte extrem angespannt. Ich weiß nicht, ob der charmante Mann es überhaupt bemerkte. Offenbar war er einige Tage außer Haus gewesen. Diese Reise hatte er überrascht abgebrochen und war unangekündigt eines Nachts nach Hause gekommen.  Die Frau hatte sich sehr erschreckt  als plötzlich im Schlafzimmer stand und sie aus dem Schlaf schreckte. Sie ließ ihn wissen, dass er besser vorher Bescheid gesagt hätte. Den Beau ließ das relativ unbeteiligt und so holte die Frau ein Beispiel nach dem andren heraus, um ihm ihren Wunsch begreiflich zu machen. Bis hin zum finalen Schlag:

„Stell dir vor, ich hätte einen Geliebten da gehabt.“

Das lockte ihm nur ein Lächeln ab. Der Mann war offensichtlich in einen Gedanken ganz woanders und verstand überhaupt nicht, warum seine Frau redete und redete.

Das Gesicht der Frau drückte tiefen Schmerz aus, als sie sagte:

„Du traust mir nicht einmal einen Geliebten zu.“

Das war der Moment als ich das Gespräch innerlich verließ, denn ich konnte nicht mehr mit anhören, wie die Frau mit jedem Satz ihren Schmerz vergrößerte und sich selber immer mehr verletzte. Ich konnte nicht mit ansehen, wie sie sich in der Rolle des Opfers gefiel.

Ich rede so lange bis du mich verstehst 

Die Szene,  dessen Zeuge ich wurde, passiert täglich. Überall und immer wieder. Da ist die Sehnsucht nach totalem Verstehen.

Ob im Privatleben oder Business. Es gibt diesen inneren Wunsch, die Schlacht nicht nur zu gewinnen, sondern, dass die Gegenseite, freiwillig und reumütig,  die Waffen niederlegt und die Richtigkeit des  Wegs des anderen anerkennt.

Dieser Wunsch ist bei Frauen ausgeprägter als bei Männern.

Frauen möchten nicht nur den Wunsch erfüllt  oder Recht bekommen, sondern sie möchten, dass der andere sie versteht. Die Airport-Lady wünschte sich, dass ihr Mann verstand, dass es mehr als unangenehm ist, wenn man nachts plötzlich Geräusche im Haus hört. Sich fürchtet. Noch mal hinhört. Dann plötzlich ganz sicher ist Geräusche zu hören. Die Gelähmtheit. Die Schritte die näher kommen. Und dann die unfassbare Erleichterung, die unmittelbar von einer grenzenlosen Wut abgelöst wird, wenn plötzlich der Kerl, der auf den Galapagos oder sonst wo sein sollte, polternd ins Schlafzimmer trampelt.

Sie wollte, dass  ihr Mann ihre Empfindungen versteht, empathisch erfasst. Sie wollte  ernst genommen werden. Sie wollte verdammt nochmal, dass er sie respektiert und sich ankündigt. Nicht weil es nicht sein zu Hause ist, sondern weil er sich für einen Moment in ihre Situation hinversetzen und sich vorstellen sollte, wie sehr sie sich erschreckt hatte.

Ihre Botschaft kam offensichtlich nicht an. Mit immer neuen Geschichten versuchte sie den Mann dazu zu bringen, ihre Gefühle zu verstehen. Na ja, bis hin zu der Geschichte des fiktiven Geliebten.

Ich bekomme nie, was ich will und daran bist du schuld 

Die süße Lady hatte zunächst NATÜRLICH spontan mein Sympathie. Sie war so nett, so höflich und sie hatte wunderschöne Schuhe. Aber ich bin halt nicht nur Herz, sondern auch Brain und sie hat sich da echt in etwas hineingeredet. In etwas, das nichts mit der Situation zu tun hatte.

Seine fehlende Bereitschaft oder sein Unvermögen (was weiß ich denn?)  sie zu verstehen, machte die sympathische Frau  traurig. Na ja und weil sie traurig war, öffnete sie alte Fässer. In jeder langjährigen Beziehung gibt es solche Fässer, gefüllt mit alten Geschichten, die zähneknirschend oder unter lautem Protest hingenommen geschluckt wurden.

Die obligatorischen Fragen platzen in dir auf: „Er ist so gemein. Warum respektiert er mich nicht?“ Alte Geschichten drängen sich an die Oberfläche und du gefällst dir ein kleines bisschen im Jammermodus. Ob Chef oder Mann, blöde Kollegin oder zickige Schwester. Das Verhalten bestätigt all das, was du immer wieder erlebt hast.

Genau dann kommt der Moment, wo die Verlockung dich zum Opfer zu machen einfach so verführerisch vor dir liegt. Wie kühles Laken auf einem Beach-Bett verlockend drapiert. Das ist der Moment, wo der andere dich nicht einmal kleinmachen muss (der hat auch seine alten Gesichten, ist klar oder?), das machst du schon selber.

Wenn dieser Modus eingeschaltet ist, schaffst du es kaum noch zurückzukommen. Du hast dich so heiß geredet. Du bist so traurig. So enttäuscht. Eigentlich brauchst du gar nicht mehr die Bestätigung, wie unfassbar gemein dein Gegenüber ist. Du weißt es. Kein Zweifel.

Klare Ansagen bringen eindeutige Reaktionen

Ich verstehe dich total. Genauso wie ich die  süße Lady verstehe. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich selber in genau diese Falle getappt bin. In meine „Warum-sind-die-anderen-einfach-so-unsensibel?“-Falle. Diese Attitude ist total verlockend.

Tatsächlich hast du den Schlüssel zur Lösung in der Hand.

Ja, auch wenn du jetzt entrüstet aufschreist.

Du wirst niemals das bekommen, was du willst, wenn du es nicht klar kommunizierst. Wenn du das nicht tust, ist das nicht die Schuld der anderen, sondern du trägst dafür die Verantwortung. Denn niemand ist auf der Welt um in meinen oder deinen Kopf zu schauen. Was auch sehr gut ist. Denn alle zahlreichen Versuche, die ich erlebt habe, sind kläglich gescheitert. Zurecht. Denn wir haben die Sprache um zu kommunizieren.

Die Idee, dass andere erspüren muss, was du dir wünschst, entspringt einer romantischen Idee, filmischen Idealen. Selbst in den größten Lieben der Filmgeschichte sind Paare daran kläglich gescheitert. Wahrscheinlich stünde Sally noch heute auf dem Dach des Empire State Building, wenn nicht Jona dafür gesorgt hätte, dass die gestörte Kommunikation der Erwachsenen bereinigt wird.

Eine klare Kommunikation ist gut. Ist nicht unromantisch. Ist nicht Kampf. Ist nicht das Eingeständnis einer unperfekten Liäson. Im Gegenteil:  Eine klare Kommunikation ist perfekt.

Die meisten Männer verstehen nicht deinen Wunsch danach, ohne Worte verstanden zu werden. Ich übrigens auch nicht. Warum auch? Was ist der besondere Wert daran, dass dich jemand versteht, ohne dass du es erklärst? Dieser Wunsch nach wortlosen Verstehen entspricht einem zutiefst weiblichen Muster Dem Wunsch nach Seelenverwandtschaft.

Doch dieser Wunsch hat nichts mit deinem Gegenüber zu tun. Er hat viel mehr mit dir zu tun. Denn wenn du verstanden werden willst,  ohne erklären zu müssen, wirst du auch nicht auf Ablehnung stossen. Dir kann niemand widersprechen. Es weiß ja keiner was du willst. Easy, oder? Und vielleicht geht es auch mehr darum? Vielleicht geht es mehr darum, dass du dir die Betätigung des Verstehens wünschst, weil du befürchtest, dass nur die Tatsache, dass du es willst, nicht ausreicht, um es zu bekommen.

Möglicherweise hast du sogar Angst davor für deinen Wunsch einzustehen und zu kämpfen.

Ich verstehe das.

Denn es ist nicht einfach. Dieser erste Schritt.

„Courage starts with showing up and letting ourselves be seen.”― Brené Brown

Aber probiere es einfach mal aus. Ich wette, wenn die süße Lady ihrem Mann eine klare Ansage gemacht hätte, hätte er sich kleinlaut entschuldigt, denn möglicherweise hätte er ihre Angst in dem dunklen Haus sehr gut verstanden. Doch selbst wenn er sie nicht verstanden hätte, wäre es egal gewesen. Er musste es einfach nur akzeptieren. Alles was sie eigentlich wollte war, dass er für die Zukunft sein Verhalten ändert. That’s it.

Manchmal ist es einfach wichtig, dass du für dich entscheidest, was dir eigentlich wichtig ist: Totales Verstehen oder das Ergebnis. Wenn du darüber Klarheit hast, richte einfach deine Ziele genau darauf aus.

Glaub mir, genau dann wird alles sehr einfach. Versuch es einfach mal.

Dein größter Fan

Claudia xoxo

 

 

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