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Anna, immer wieder Anna. Anna wird etwas anstrengend in letzter Zeit, ist sie doch so sehr bemüht sich zu optimieren, zu wachsen, perfekt zu sein, die beste Version ihrer selbst zu werden. Dieses lobenswerte Bestreben sollte sie voran bringen und befriedigen. Doch Anna ist nicht entspannt und glücklich, sondern bemüht. Anna ist gequält, denn sie hat keine Ahnung, wer sie eigentlich wirklich ist. Wo ihr persönlicher Brillanz-Bereich liegt ist für sie ein einziges Rätsel.

Diese Orientierungslosigkeit verunsichert Anna. Lässt sie erstarren und verharren. Verzagen und zaudern.

Anna gleicht einem Chamäleon in einem Spiegelkabinett. Dieses Wesen, dass darauf programmiert ist, sich der Umwelt anzupassen. Und was macht dieses rätselhafte Urtier in einem Spiegelkabinett? Dort wo es nichts im Außen gibt, dem es sich anpassen könnte? Wie der Publizist Kevin Kelly beobachtete, nimmt das Chamäleon in einem Spiegelkabinett eine grüne Farbe an. Grün: Die Zeichnung der panischen Angst, die auftaucht im Angesicht eines Feindes. Genauso geht es Anna.

Wenn sich Anna mit ihren kreativen Freundinnen trifft, spürt auch sie die Sehnsucht danach sich malend auszudrücken. Schwingt den Pinsel, bucht Kurse und tauscht sich über Maltechniken aus.

Ist sie mit den ehemaligen Studienkollegen zusammen, führt sie Gespräche über Literatur und Philosophie, wälzt Fragen der Ethik und ist tiefsinnig.

Und schließlich gibt es die Anna, die zu Hause alles im Griff hat, gelassen ist, den Überblick behält, organisiert, rettet und plant.

Anna bringt das nach außen, von dem sie glaubt, dass sie es sei. Das es angemessen ist. Zielführend. Erwartet wird. Glücklich macht. Notwendig ist. Richtig ist.

Richtig?

Ja. Denn Anna weiß nicht, wer sie wirklich ist, was sie wirklich will. Ja, sie ist glücklich. Schließlich spielt sie keine Rollen, sie liebt ihr Leben. Doch da ist diese Frage, die sie in letzter Zeit so sehr beschäftigt. Diese Frage nach ihrem wirklichen Wesen, nach ihren wirklichen Zielen treibt Anna um. Lässt sie nachts immer wieder wach liegen. Führt dazu, dass sie sich manchmal sich selbst fremd fühlt.

Fremd in ihren eigenen Leben.

So viele Frauen wie Anna fragen: Wie soll ich herausfinden, wer ich wirklich bin? Was ich wirklich will?

Liebe Anna, wie soll ich das wissen, wenn du es nicht weißt?

Doch es gibt Wege, wie du es dir sehr viel leichter machst kannst und deinen Weg findest.

Die Never-Ending-Gedankenschleife: Wer bin ich? Was will ich?

Die Klärung der Frage nach dem, was dich als Menschen wirklich ausmacht, was deine Essenz ist, kann dich Jahre deines Leben kosten. Diese Frage ist rückwärts gerichtet. Wenn du dir diese Frage stellst, befasst du dich mit Dingen, die du nur rudimentär erinnert. Die du nur aus subjektiv eingefärbten Erzählungen der anderen kennst.

Weißt du, was wirklich passiert ist? Hast du schon mal eine deiner Erinnerungen abgeglichen mit denen deiner  Mutter oder deines Vaters? Oder gleiche eine der Erinnerungen deiner Kinder mit den vermeintlichen Fakten ab, die du doch so genau kennst. Ich versichere dir: Im Idealfall hast du dabei etwas zum Lachen. Oft ist es aber auch sehr schmerzhaft zu sehen, wie die Erinnerungen voneinander abweichen.

Warum glaubst du, soll dich der Blick nach hinten voran auf deinen jetzigen Weg? Deinem Weg, das zu finden was dich glücklich macht und was du hervorragend kannst?

Du versucht intellektuell etwas zu analysieren, zu verstehen, was mit Intellekt wenig zu tun hat.

Kann dir dein Mini-Me überhaupt etwas dazu sagen?

Versuche bitte den Kopf auszuschalten, denn das bringt dich überhaupt nicht weiter. Frag dich stattdessen, was du als Kind geliebt hast? Erinnerungen kommen hoch, du siehst dich selbst: malen, tanzen, singen, rechnen vielleicht sogar.

So, und jetzt vergiss dieses Bild direkt, denn genau darum geht es nicht. Dieses Bild bringt dich nicht wirklich weiter. Ich habe Puppen gerne angezogen. Und nein , ich möchte keine Designerin sein.

Die wirklich interessante Frage, die du dir stellen solltest, wenn du dieses Bild vor Augen hast, ist diese: Was hast du getan, wenn du gern gemalt hast?

Eine absurde Frage? Provokativ oder dumm?

Also, was hast du getan, wenn du Malen geliebt hast?

Genau, du hast gemalt. Jeden Tag, immer wieder. Es wurde dir nicht langweilig. Du hast dir keine Frage nach dem Sinn gestellt. Du hast dich nicht gefragt, ob dich das Malen weiterbringt. Du hast gemalt, weil es dich glücklich gemacht hat. Und das ist die Essenz dessen, was du aus deiner kindlichen Erinnerung mitnehmen solltest.

Du hast getan, was du liebst. Und versucht, möglichst das zu meiden, was dich langweilig und dir keine Freude macht.

Die Überbewertung des Kindlichen

Und dennoch lässt dich die Frage, was dich ausmacht, nicht los. Die Frage danach, was in dir schlummert.

Tatsächlich ist es so, dass es einige wenige Eigenschaften gibt, die sich kaum wandeln. Diese Eigenschaften gehören zu dir. Du kannst bewusst an der Dosierung und Ausprägung arbeiten. Aber letztendlich sind diese fünf da und machen dein Wesen aus. Diese sogenannten BIG Five sind

  • Extro-/Introvertiertheit
  • Verträglichkeit
  • Gewissenhaftigkeit
  • Offenheit
  • Seelische Stabilität /Instabilität

Diese BIG Five sagen aber weniger etwas über dich absolut aus, sondern sind eher in Relation zu anderen zu verstehen. Also etwa dahingehend, dass du im Vergleich zu anderen gewissenhafter bist. Keine absoluten Wahrheiten. Keine in Stein gehauenen Schicksalspfade.

Und dennoch ist es frappierend, wie sehr diese Basics vorhanden bleiben. Nimm dir mal ein Zeugnis aus der Grundschule vor. Sehr häufig findest du dort Einschätzungen zu deiner Persönlichkeit, die etwas aufzeigen, was auch heute noch zu dir gehört. Ich hörte schon sehr früh – neben einigen sehr netten Sachen – diese eine Anmerkung. „Claudia muss gewissenhafter sein und weniger Flüchtigkeitsfehler machen.“ Das ist heute noch so und wenn du in diesem Text keinen einzigen Flüchtigkeitsfehler finden solltest, lass mich das bitte unbedingt wissen. Denn das wäre ein echter Grund zum Feiern für mich.

Aber die BIG Five sagen auch eher etwas darüber aus, wie du nach außen trittst. Sie sagen wenig darüber aus, wer du bist und wo du hinwillst.

Tatsächlich herrscht aktuell in der neurobiologischen und psychologischen Forschung die Auffassung vor, dass es so etwas wie einen „echten“, unwandelbaren Kern der eigenen Person gar nicht gibt. Vielmehr sei das gute alte Ich weder stabil noch unabhängig vom Außen. Eine Illusion gar.

„In Wirklichkeit aber ist kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten.“ – Hermann Hesse, in Der Steppenwolf.

Frag dich, wie sich ein Kind entwickeln würde, dass allein auf eine Insel ausgesetzt wird. Das ist eine harte Frage, deren Beantwortung schmerzt. Denn wenn du ehrlich zu dir bist, müsstest du dir diese Wahrheit eingestehen: Dieses Kind wäre trotz wundervoller Anlagen und hoher Intelligenz sehr simpel. Sehr, sehr, sehr simpel. Und simpel ist ein nettes, verharmlosendes Wort, für dieses Wolfsjunge, diesen modernen Kaspar Hauser.

Du fragst dich, warum ich dir das sage? Warum ich dich frustriere? Was soll das?

Damit du feierst! Denn du hast die Macht!

Halt es frei nach Pipi Langstrumpf und kreiiere dich selbst

Es gibt keine Zwänge für dich, wie du zu sein hast. Ja, der Wegfall der Strukturen hat für dich vielleicht dazu geführt, dass du gar nicht mehr weißt, was du willst. Überfordert dich, macht dich ratlos.

Deshalb probiert du aus und versucht zu gefallen.Wieder und wieder. Ist das das richtige? Bin ich so richtig? Ähnlich wie das bedauernswerte Chamäleon schlüpft du in vermeintliche Rollen, in der Hoffnung, dort dein Ich zu finden.

Vergiss das alles. Versteck dich nicht hinter Rollen. Und gib nicht denen, die dir vermeintlich Rollen zuschieben, die Schuld.

Spring einfach! Spring in den Pool dessen, was das Leben dir zu bieten hat.

Es ist vollkommen egal, ob du als Kind gern gemalt hast. Bedeutungslos, ob du aus einer Familie von Juristen kommst.

Plage dich nicht mir der Frage was dein Kern ist. Sondern mach einfach.

Trial and error

Trial and error

Again and again

Es schmeckt schlecht? Also weg damit.

Schmeckt gut? Also mehr davon.

Versuch nicht zu analysieren, zu ergründen, zu intellektualisieren. Mach einfach was dir Spaß macht.

Und so wirst du herausfinden, was du machen möchtest. Was dich ausmacht. Was du will. Kreiiere dich einfach selbst – nach deinem Maßstab.

Ich wünsche dir ganz viele Spaß auf deiner Reise.

Deine Claudia

6 Comments

      1. Naja, „Beitrag“ lässt sich das ja nicht nennen – ich gewöhne mich gerade an die technischen Anforderungen … also:

        ich musste lachen, als ich deinen Post gelesen habe: 2 Frauen, 1 Gedankengang!

        Ich stimme dir absolut zu: Nichts ist fest – wir glauben das nur allzu häufig! Hat ja auch Vorteile: Verlässlichkeit, Sicherheit. Und dann kippt es eben irgendwann, weil aus der Stabilität Stagnation wird. Dann passiert Entwicklung, dann wird es spannend! 🙂
        Ich denke, so sind wir Menschen, mit einer natürlichen Freude an Entwicklung.

        Bei den Big Five ist es ja auch so, dass man eine Stabilität von ca 5 Jahren angibt, danach sieht das Ergebnis schon wieder ganz anders aus.

        Nur schade, dass es neben diesem „natürlichen“ Wunsch nach Entwicklung eben auch so einen Druck gibt, wie du ihn beschreibst. Ich nehme das häufig als „Selbstoptimierung“ wahr, nicht eben als dieses Wachstum aus mir selbst heraus, die Freude macht und mich als ganze Person weiter bringt. Da sehe ich die Arbeitswelt als Einflussfaktor: häufig wird da nämlich bloße Leistungsoptimierung als Entwicklung verkauft. Die ist dann im Sinne des Arbeitgebers, nicht im Sinne der Person.

        Wie kann man das vermeiden? Wie du es beschreibst: Genau bei mir selbst hinhören: was will ICH eigentlich? Was macht mir Spaß? Klingt leicht und kann manchmal so schwierig sein. Auch, weil wir das verlernen, dieses auf-sich-selbst-hören.

        1. Liebe Wiebke,

          ich danke dir für deine total interessante Antwort. Wollen wir wachsen oder wachsen wir, weil wir glauben wachsen zu müssen? Dieses Spannungsfeld ist sehr geladen. Verdammt geladen. Und das wirklich sauber auseinander zu halten, ist ziemlich schwer.

          Ich merke, dass, seit ich mich darauf ausrichte, zu tun, was mir Spaß macht, alles leichter wird. Weil ich einfach immer besser werde dadurch. Im Business und im Privatleben. Es war einfach nur vorher in meinen Gedanken so, dass es dort, in dem Wunder-Wonder-Regenbogen-Sunshine-Land, wo es zimmerwährenden Spaß gibt – schwierig sein würde. Weil: Das kann doch wohl nicht sein! Und das darf doch wohl nicht sein! Aber seit ich genau nach dieser Maxime handle, ist es besser für alle, denn ich bin einfach besser.

          Und zwar ohne in die Selbstoptimierungsfalle zu tapsen.

          Aber es ist schon ein steiniger Weg dahin zu kommen, oder?

          Liebe Grüße

          Claudia

  1. Liebe Claudia,
    für die Anna hättest Du auch meinen Namen einsetzen können, mit dem Unterschied, dass ich dabei nicht glücklich bin, sondern extrem unzufrieden. Und ich habe schon so viele Sachen probiert, die anfänglich Spaß gemacht haben. Trial an Error. Durch die vielen Errors macht bald nichts mehr Spaß.
    Ich kann sehr gut Ziele umsetzen, nur wenn ich für das wichtigste (mich selbst) kein Ziel finde, ist das wie eine Zwickmühle, und sehr erschöpfend und deprimierend. Wie Wiebke geschrieben hat will ich dringend „weg von“, aber habe keinerlei Vision.

    1. Liebe Beate,

      ja, Anna hat die besondere Gabe uns zu erreichen. Wir sehen uns in ihr.

      Das Fehlen einer Vision ist hart. Aber vielleicht musst du erst diesen Weg gehen. Und vielleicht musst du auch erst eine Leichtigkeit finden, denn dein Weg, deine Berufung scheint sich regelrecht zu sträuben und Licht zu kommen, will sich nicht einfangen lassen.

      Du schreibst, du bist vom Versuchen erschöpft. Ich kann das gut verstehen. In dieser digitalen Selbstfindung-Welt, wo alle so genau wissen, wohin sie wollen, ist Visionslosigkeit lähmend. Möglicherweise brauchst du auch einfach etwas Unterstützung damit du weg von dem Versuchen, und noch härter versuchen, besser sein, tiefer gehen, intensiver sein hin zu wirklicher Leichtigkeit kommst. Und Dinge ausprobierst und einfach Freude hast. Wenn du magst, kannst ich da gerne unterstützen. Schick mir einfach einfach eine Email, wenn du möchtest.

      Bitte höre nicht auf zu versuchen. Es gibt ganz sicher einen Weg für dich. Vielleicht gehst du nur gerade den falschen Weg und arbeitest zu viel anstatt einfach wirklich Spaß zu haben. Für mich war das Loslassen vom Wollen immer der beste Booster. Und dann – erst dann – ging es leichter.

      Ganz liebe Grüße und danke für dein liebes Feedback

      Claudia