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Es ist mitten in der Nacht. Absolute Stille und ich bin plötzlich hellwach. Ganz stark, gleichmäßig und kräftig spüre ich mein Herz schlagen. So kraftvoll und voller Gleichklang und Symmetrie. Ich spüre wie eine ungeheure Energie durch mich hindurch strömt und ich aus dem Innersten heraus zu lächeln beginne. Voller Liebe lausche ich dem Schlag meines Herzens. Spüre die tiefe Verbindung und eine untrennbare Einheit. Und sinke wieder in den Schlaf zurück.

Im Einschlafen denke ich noch verwirrt über diesen magischen Moment der Freude zwischen mir und meinem Herzen nach. Denn die letzten Monate waren wir keine Freunde. Schmerzgeplagt unsere Beziehung, angstvoll und voller Besorgnis.

Es ist die Nacht vor der Herzkatheter-Untersuchung. Die Untersuchung, die Gewissheit bringen soll.

Und sie bringt Gewissheit. Ich habe die wunderbarsten Herzkranzgefäße, die man sich nur wünschen kann.

Die Blicke des Arztes,  aussagekräftig und doch bleibt er verbindlich. Ein Profi eben.

Rasch, rasch, Platz machen für Menschen, die mich wirklich brauchen.

Ich bin gesund – organisch. Ein wunderbarer, starker, funktionierender Körper – so sagt die Untersuchung. So sagt der Arzt.

Und doch waren da diese Anfälle der letzten Monate. Schmerzen, heftig, nie gekannt. Ich spüre mein Herz. Nicht sprichwörtlich, sondern tatsächlich. Wie ein eiserner Ring umarmt mich der Druck meines Herzens, der Schmerz erdrückt mich. Mein Herz rast. Mir fehlt der Atem.

In der Stille der Nacht plagen mich die Ängste. Ich muss gesund sein. Ich werde gebraucht.  Lauf, geh, funktioniere, liebe, sei präsent.

Ich habe noch so viel zu sagen. Ich will noch lieben. Bitte, bitte, liebes Herz, bleib bei mir.

„Geh du vor“ sagte die Seele zum Körper,
„auf mich hört er nicht, vielleicht hört er auf dich.“

„Ich werde krank werden,
dann wird er Zeit für dich haben!“ antwortete der Körper

So machtvoll ist dieses Zitat. Alles gesagt, alles erklärt.

Warum hörst du nicht hin? Du siehst die Zeichen und hörst die Ratschläge. Du wirst auffällig dünn, dick, nervös, überdreht, still. Aber du hörst nicht hin. Du gehst weiter und weiter. Es gibt keinen anderen Weg.

Irgendwann ist es dir in deinem Leben auch so ergangen. Du hörst einfach nicht auf die Botschaften aus deinem Innersten.

Ich habe eine Chance bekommen. Ich hatte Angst zu sterben. Habe Passwörter bereit gelegt. Alles abgearbeitet. Vorbereitet. Melodramatisch. Lächerlich. Und doch meine Realität. Ich habe sie nicht geteilt. Wollte nicht zur Last fallen. Wollte  einfach weitermachen.

STOP. Schon die Wortwahl ist furchtbar. Jämmerlich. Und das ist der Moment, den du nutzen musst.   Nicht klagen, sondern die Chance nutzen. Dein Körper hat nach einem 250km/h Trip über Steilkurven und durch die Mausefalle die Bremse gezogen.

Guck hin.

Was will dein Körper dir sagen, nachdem du nicht auf die Botschaften deiner Seele gehört hast?

Was?

Führst du ein Schattenleben?

Führst du genau das Leben, das du leben willst?

Es braucht nicht mehr Worte. Nimm diese Frage mit. Sie ist so stark. Und lass genau diese Frage zu. Stell sie in den Raum. Lass ihr Schwingen wachsen, machtvoll, kraftvoll.

FÜHRST DU GENAU DAS LEBEN, DAS DU LEBEN WILLST?

Nein? Dann geh genau dorthin. Dorthin, wo es weh tut. Such nach der Antwort. Was soll anders sein?

Und dann, wenn du die Antwort  gefunden hast: Dann geh dafür. Du kannst langsam gehen. Du kannst Umwege machen. Aber geh den Weg zu dem Leben, das du leben willst.

Du hast diese Chance bekommen. Nutze sie.

Morgen schon kann diese Chance dir genommen sein. Und was dir heute surreal erscheint, kann morgen deine Realität sein, in der du keine mehr Wahl hast.

Ist da ein Schmerz oder leidest du bereits?

Jeder kennt  Schmerz. Er ist dein Begleiter in Phasen deines Lebens. Er drängt sich hinein, ist raumfüllend and nimmt dir den Platz zum Atmen, nimmt dir die Freude. Er kommt, er geht.

Stell dir vor, du bist gestürzt. Hast eine Wunde, voller Schmutz, Schottersteine, Eiter. Du reinigst die Wunde. Entfernst den Schotter, Stück für Stück, kümmerst dich und desinfizierst die Wunde. Alles wird gut.

Und irgendwo ist die tückische Grenze. Da ist die Kruste an der Wunde, du kannst die Finger nicht davon lassen. Du kratzt, puhlst. Ein Stückchen nur. Du hast dich im Griff. Und wieder: Nur ein kleines Stückchen. Die Wunde heilt nicht, weil du sie nicht heilen lässt. Du puhlst und kratzt und hast schmutzige Finger. Und irgendwann gehört die Wunde zu dir. Der Schmerz ist dein Freund, dein Begleiter.

Und ohne es zu bemerken, hast du die Grenze zum Leid überschritten. Dieses Gefühl des Schmerzes, es gehört zu dir.

Und so hast du etwas  Geniales verloren. Der  Schmerz, ein Gefühl, das dich retten und schützen will. Du hast es verjagt. Du wolltest eigentlich nur  die Wunde reinigen, weil der liebe, gute Schmerz dich daran erinnert hat. Und dann bist du abgekommen vom Weg. Und hast dich verloren. Hast nicht die Warnung deines Freundes Schmerz verstanden, sondern bist in die Falle des Leidens getappt.

Guck genau hin, an welcher Stelle du stehst. Ist da ein Schmerz, der dich auf etwas  aufmerksam macht? Ein Freund, der es gut mit dir meint? Dann schau hin. Mach etwas. Nutz deine verdammte Chance.

Und lass es nicht zum Leiden werden. Handle jetzt.

Baby, lass uns reden

Weisst du, was du für ein Glück hast? Du hast erkannt, wo der Schmerz sitzt. Du hast diese einmalige Chance bekommen.

„Geh du vor“ sagte die Seele zum Körper,
„auf mich hört er nicht, vielleicht hört er auf dich.“

Worauf wartest du noch?

Ich bin dankbar. Dankbar, dass ich dieses Erlebnis hatte. Dankbar, ausgebremst worden zu sein. Weil ich jetzt schauen kann (und sollte), wo es wehtut. Weil ich erkannt habe, dass es meine verdammte Pflicht ist, für meine Babies – meinen Körper und meine Seele – zu sorgen.

Und ich weiß, du bist auch diesen Weg gegangen. Irgendwann. Wann hast du erkannt, dass du für dich sorgen musst?

Deine – wieder einmal verdammt dankbare, wenn auch noch etwas verunsicherte  – Claudia