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Gastbeitrag von Roxana M. Münster

Frauen spielen im Kopf häufig die Gefahren durch, die ihnen in verschiedenen Situationen begegnen könnten und wie sie diese vermeiden können. Ist eine Reise in dieses Land als Frau sicher, wenn ich meinen gesunden Menschenverstand anwende? Was könnte mir die andere Person auf einem Blind Date antun und wie kann ich das Risiko verringern? Wie komme ich nachts sicher von der Bar nach Hause? Wir tun es nicht aus Paranoia oder dem Bedürfnis nach Drama. Wir tun es, weil wir es müssen.

Diese Gedankenspiele sind etwas, wozu Männer weitaus seltener gezwungen sind. Natürlich ist eine dunkle Gasse in einer unsicheren Gegend auch für einen Mann eine unsichere Situation. Aber zumeist geht es mehr darum, materielle Besitztümer zu verlieren und dabei womöglich ein, zwei Fausthiebe abzubekommen – schrecklich genug, aber geringe Leiden im Vergleich zur langfristigen seelischen Beeinträchtigung, die etwa ein sexueller Übergriff mit sich bringt.

Während man viele Situationen generell vermeiden kann – auch wenn fraglich ist, ob das die Lösung ist – ist eine Situation unvermeidlich: Wie kann eine Frau nachts ihren Heimweg sicher und mit gutem Gefühl bestreiten – ohne permanent das Horrorszenario der Vergewaltigung im Kopf zu haben?

Selbst in einem vergleichsweise sicheren Land wie Deutschland hat einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zufolge jede dritte Frau sexuelle oder körperliche Gewalt erlitten – und das zählt nicht die Dunkelziffer mit. Zwar ist mittlerweile gemeinhin bekannt, dass mit 82% der Großteil der Vergewaltiger dem Opfer bereits vorher bekannt waren und somit selbst die einsame Straße bei Nacht sicherer ist als beispielsweise eine Collegeparty in den Staaten oder sogar das Haus eines Bekannten. Aber dies ändert nichts daran, dass Frauen sich dennoch extrem verletzlich fühlen bei etwas, das ein grundlegendes Recht sein sollte, das jeder Bürger und jede Bürgerin innehat: Sich in seiner Stadt frei und ungezwungen bewegen zu können.

Jede Frau hat über die Jahre ihre eigene Strategie entwickelt, um sich ein klein wenig sicherer, etwas besser vorbereitet zu fühlen. Den Schlüssel zwischen die Finger als Waffe, ein SMS-Benachrichtigungssystem mit einem Familienmitglied oder einer Freundin, Umwege über gut beleuchtete Straßen….Und gleichzeitig finden sich Frauen immer mehr mit ihrer Schwesternschaft zusammen, um gemeinsam die Nacht wieder sicher zu machen.

Unter dem Motto „Reclaim the Night“ oder „Take back the night“ – was so viel bedeutet wie: „Die Nacht zurückverlangen“ oder „Die Nacht zurückholen“ – finden seit 1977 in Städten rund um die Welt Protestmärsche statt, die auf den geschilderten Missstand aufmerksam machen. Die Demonstrationen haben ihren Ursprung in Deutschland, sind aber mittlerweile bekannter im amerikanischen und englischen Raum, wo sie Tausende von Teilnehmerinnen anziehen.

Frauen finden sich zusammen und ziehen durch die Straßen, laut, bunt und ohne Angst und finden gemeinsam die Sicherheit, die sie alleine nicht fühlen. Es ist ein Zeichen der Solidarität, nicht nur mit allen Frauen, denen Gewalt angetan wurde, sondern auch mit jenen, die sich davor fürchten. In einer unsicheren Zeit für Frauen ist es ein demonstratives Aufbegehren, eine Kampfansage an all jene, die versuchen, die weibliche Energie zu beschränken und uns Furcht einzuflößen, so dass wir uns unsicher fühlen bei Tätigkeiten, die zum normalen Leben dazu gehören müssen.

In einer Zeit, in der der Gleichberechtigung immer noch zahllose Hürden entgegenstehen, ist das Bündnis zwischen Frauen wichtiger denn je, ebenso wie das mit allen anderen, die unsere Forderungen unterstützen. Gemeinsam müssen wir uns darauf konzentrieren, Lösungen für die verschiedenen Probleme zu finden und die Welt für Frauen und künftige Generationen sicherer und fairer zu gestalten – und somit auch für die gesamte Gesellschaft.

Vergangenes Jahr nahm ich sowohl in Brighton, England als auch in Glasgow, Schottland an diesen Märschen statt und war überwältigt von dem tiefen Gefühl der Verbundenheit, das ich den anderen Frauen gegenüber empfand. Wir alle waren aus demselben Grund dort und konnten frei sprechen in den Ansprachen und darauffolgenden Poetry Slams und Konzerten.

Es mag sein, dass nicht viele konkrete Konsequenzen aus diesen Aktionen resultierten, was die Gesetzgebung oder das Verhalten der Täter betrifft. Aber für uns Frauen machte es einen Unterschied, zu wissen, dass wir füreinander mit Verständnis einstanden und dass wir unseren Teil dazu beigetragen hatten, die Situation zu ändern. Ich ging in der darauffolgenden Zeit etwas sicherer und selbstbewusster durch die Straßen.

Auch in Deutschland finden diese Märsche noch statt, etwa in Hamburg, Oldenburg oder Köln. Sie sind kleiner, finden unregelmäßig statt und erregen nicht so viel Aufmerksamkeit wie ihre britischen und amerikanischen Äquivalente. Aber gemeinsam können wir sie zu dem wichtigen und wirkungsvollen Organ für Frauen machen, das sie einmal waren. Zu finden sind aktuelle Termine mit einer einfachen Google-Suche – und die Teilnahme ist eine bescheidene, aber unglaublich wichtige Geste.

Es ist meine Hoffnung, dass wir aktiv werden und bleiben. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen und nicht die Nacht fürchten, sondern sie uns wieder zurückholen.

 

 

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Die Jura-Studentin Roxana M. Münster schreibt für „The EDIT“ und „Firstlife“ und engagiert  sich bei zahlreichen Organisationen im Kampf für Frauen- und Bürgerrechte, wie z.B.  „Nightline“ und  Model United Nations, jeweils in Glasgow sowie im CEDED, Peru.