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Gewalt an Frauen und Mädchen ist die Menschenrechtsverletzung, die weltweit am meisten verbreitet ist. Um diese Form der Gewalt zu bekämpfen wurde im Jahre 1991 die Aktion „16 days of activism against gender violence“ ins Leben gerufen. Vom 25.11., dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen bis zum 10.12., dem Tag der Menschenrechte, führt die UN Woman jedes Jahr Aktionen im Kampf gegen Gewalt an Frauen durch. In diesem Jahr heißt das  Motto „Orange Your World 2015“ mit dem Ziel, mit vielen Aktionen ein Zeichen der Solidarität zu setzen und gemeinsam den Kampf zu unterstützen.

Auch der Blog von „Woman and Work“,  dem größten deutschen Messe-Kongress für Frauen,  beteiligt sich und hat zur Blogparade aufgerufen, um dieses wichtige Thema durch die Welt der Blogger zu verbreiten.  https://womenandworkblog.wordpress.com/2015/11/17/blogparade-orangetheworld-2015/comment-page-1/#comment-23

Gewalt an Frauen und Mädchen ist eine Menschenrechtsverletzung. Wenn wir über Gewalt gegen Frauen sprechen, denken wir im ersten Impuls an Bescheidungen von kleinen Mädchen in Afrika, verprügelte Frauen in zerstörerischen Beziehungen und an Vergewaltigungen. Gewalt gegen Frauen ist etwas, das scheinbar weit weg ist. Tatsächlich ist Gewalt gegen Frauen allgegenwärtig. Laut der letzten  Erhebung der FRA (Agentur der EU für Grundrechte) war jede dritte Frau in Europa Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt. Dabei wurde die Gewalt in 22% der Taten durch  den Partner ausgeübt. Eine von 20 Frauen wurde vergewaltigt und 43% aller Frauen waren pschychischer Gewalt durch einen Partner ausgesetzt. Das sind die statistisch erhobenen Zahlen. Die Dunkelziffer ist deutlich höher.

Die  Haltung unserer Gesellschaft  gegen diese Form der Gewalt an Frauen ist klar und eindeutig. Die offene Gewalt gegen Frauen wird in unserem Kulturkreis verurteilt. Es gibt Bestimmungen, Verordnungen und Gesetze, die uns Frauen schützen sollen. Im besten Fall werden die Täter strafrechtlich verfolgt. Soweit die Theorie; dennoch gibt es auch bei uns im Hinblick auf körperliche und sexuelle Gewalt  gegen Frauen noch viel zu tun. Die meisten Frauen haben mit gutem Grund Angst, derartige Vorfälle anzuzeigen und in die Mühlräder der Justiz zu geraten.

Aber Gewalt hat viele Erscheinungsformen. Neben der offensichtlichen körperlichen und sexuellen Gewalt gibt es die verbale Gewalt, bei der die erste Hürde ist, sie als Gewalt zu erkennen und eindeutig zu benennen. Fast jeder ist schon Zeuge einer verbalen Gewaltaktion gegen Frauen geworden. Doch unsere Gesellschaft ist blind gegen diese Form der Gewaltausübung. Mit einem weit gefassten Toleranzbegriff wird  die ausgeübte Gewalt hingenommen und banalisiert. Wenn wir also bereits ein Problem damit  haben, verbale Gewalt überhaupt zu erkennen und als Gewalt einzuordnen, müssen wir uns fragen, wo diese auftritt und was sie ausmacht. Hier soll es um die verbale Gewalt in Beziehungen gehen.

Wo fängt Gewalt in Beziehungen an?

Was macht aus einer Auseinandersetzung oder einem bestimmten Verhalten einen Akt der Gewalt? Jeder von uns – Mann oder Frau – hat im Laufe einer Beziehung schon unangemessen gehandelt. Böse Worte, die besser nicht gesagt worden wären. Handlungen, die boshaft und gemein waren. Bei verbaler Gewalt gegen Frauen in Beziehungen hat  es hingegen weniger mit der Qualität als viel mehr mit der  Quantität der Aussagen zu tun. Leise Anschuldigungen, Hinweise auf die Unfähigkeit der Frau und Kritik an ihrem Verhalten werden durch fortwährende  Wiederholungen zu einem Instrument der Macht. Im Kreislauf der wiederholten Vorwürfe hat der Partner ein Instrument zur Destabilisierung seines Opfers gefunden. Frauen, die negativen, andauernden Anschuldigungen ausgesetzt sind, werden unsicher, sind sich des eigenen Wertes immer weniger bewusst. Sie ducken sich, versuchen durch Wohlverhalten, den Kreislauf der Demütigung zu unterbrechen. Wenn die Anschuldigungen weiterhin andauern, werden sie immer kleiner und kleiner.

Irgendwann in dieser Entwicklung entscheidet sich, ob der Mann zum Täter wird und verbal Gewalt anwendet. Wenn der Mann in dem Beziehungsprozess  erkennt, welches Machtinstrument er zur Verfügung hat und dieses einsetzt, um seine Ziele zu erreichen und die Frau so unterdrückt, wird er zum Täter. Wenn kein Mitgefühl mehr vorhanden  ist und er die Frau nicht respektiert, sondern er nach immer mehr Machtausübung giert, ist die Grenze zur Gewalt überschritten.

Es gibt Frauen, die stecken seit vielen Jahren in diesem Netz der Gewalt. Sie sehen keinen Ausweg und haben kein Mittel sich zu wehren. Oftmals ist den betroffenen Frauen nicht einmal bewusst das sie Gewalt ausgesetzt sind. Vielmehr ist es so, dass Frauen, die diesem Klima der subtilen Machtausübung monate- oder jahrelang ausgesetzt sind, sich als die Schuldigen empfinden. Sie spüren übermächtig die  eigene Inkompetenz. Durch die  andauernde Kritik übernehmen sie die Vorwürfe des Täters und stimmen ihm sogar zu. In ihnen wächst das Gefühl, dass nur, weil sie unfähig sind, ständig Fehler machen und nicht gut genug sind, der Partner sie immer wieder kritisieren MUSS und zwar berechtigterweise. Die Manipulation durch die fortwährende verbale Gewalt ist vollbracht.

Der Prozess der Entmachtung und Unterdrückung hat dazu geführt, das betroffene Frauen kein Mittel mehr haben, um sich zu wehren, die Gewalt anzuprangern und aus der Gewaltspirale auszubrechen. Durch die häufig hinzukommende finanzielle Abhängigkeit vom Partner ist die Chance auszubrechen sehr gering. Diese Frauen sind auf unsere Hilfe angewiesen.

Unsere Gesellschaft hat keine Worte für diese Art der Gewalt. Es herrscht eine Kultur des Schweigens und des Wegsehen. In falsch verstandener Toleranz tun wir derartige Situationen als Auseinandersetzung eines Paares ab. Wir haben Angst uns einzumischen, Grenzen zu überschreiten und über Situationen zu urteilen, die wir nicht komplett kennen. Auch wenn wir ganz konkrete Situationen erlebt haben, in denen ein Mann eine Frau gedemütigt oder herabgesetzt hat, haben wir geschwiegen. Die Achtung vor der Intimität der Beziehung hat uns davon abgehalten einzugreifen. Und tatsächlich ist es so, dass wir nur eine Momentaufnahme sehen, die wir möglicherweise nicht richtig einordnen können. Aber Toleranz setzt Grenzen voraus.

Doch wo ist die Grenze?

Die Staatsgewalt gibt uns für diese Frage keinen geeigneten Rahmen. Anders als bei der körperlichen und sexuellen Gewalt, für die wir eine  hinreichende Gesetzeslage haben, fehlt für den Bereich der verbalen Gewalt gegen Frauen innerhalb einer Beziehung ein eindeutiger rechtlicher Rahmen.  Und wenn wir uns bewusst machen, dass Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 eine Straftat ist, werden wir noch lange warten müssen, bis der Staat für diesen Bereich eindeutige und geeignete Regelungen vorgeben wird.

Auch im gesellschaftlichen Kontext bekommen wir keine klare Aussage zur Bewertung. Wo fängt die Gewalt an? Eine präzise Definition, die uns als Beurteilungs- und Handlungsinstrument zur Verfügung stünde, gibt es nicht. Die Grenzen zwischen einer „normalen“ Auseinandersetzung und einem von verbaler Gewalt geprägten Verhalten verschwimmen. Die Antwort können wir nur in uns finden. Es braucht eine Art sittlich-moralischen  Rahmen, den wir anlegen, der uns es uns ermöglicht, eindeutig zu sagen „das tut man nicht.“ Und diesen Rahmen müssen wir selber setzen.

Das ist die Grenze, wo wir eingreifen müssen. Wenn du also erlebst, dass eine Frau von ihrem Partner in einer Weise verbal angegriffen wird, die dir nicht angemessen und übergriffig erscheint: Dann greif ein!

Aber auch, wenn dir die Kritik des Mannes nicht extrem erscheint, aber du erlebst, dass die Frau auf  die Kritik  sehr verängstigst und  verunsichert reagiert: Dann greif ein!

Wir müssen sensibler werden und unsere Sinne offen halten, um die Zwischentöne zu hören. Um zu erkennen, ob wir Zeuge einer Gewaltausübung sind. Wir müssen uns zuständig fühlen und Solidarität zeigen. Toleranz ist in unserer Gesellschaft ein hohes Gut, dass es zu bewahren gilt. Aber die Grenze ist dort, wo Gewalt gegen Frauen ausgeübt wird. Deshalb ist meine Bitte an dich: Greif ein!

Deine

 

Claudia

 

 

3 Comments

  1. meine liebe, das Problem ist es, dass die Frauen sich selber schuldig fühlen und so den Zustand gut verstecken können.