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Konflikt als Chance ist das Thema von Christinas aktueller Blogparade  auf ihrem Blog www.mediation-wenz.de, das ich nur allzu gern aufgreife. Ein Konflikt ist immer eine Chance. Die Frage ist, ob wir sie erkennen und  nutzen. Früher habe  ich als Rechtsanwältin gearbeitet und in dieser Zeit  war ein Konflikt die Chance Geld zu verdienen. Diese Art der Auseinandersetzung war nicht sehr zweckmäßig (außer für meinen Umsatz), da zumindest eine Person unbefriedigt aus der Auseinandersetzung  ging. Im Privatleben ist es nicht anders. Wenn wir uns streiten, gibt es einen Gewinner und einen Verlierer. Du hast Recht oder du hast Unrecht. So einfach ist das. Aber es kann auch anders sein. Mit zwei Tricks kannst zu es schaffen, einen Streit als Chance für  mehr Verständnis füreinander und ein besseres Miteinander zu nutzen.

Stell dir nun vor, es geht um Anna und Tom. Die beiden haben einen handfesten Streit. Tom wirft Anna vor, dass sie ihn nie unterstützt, wenn er unter Druck steht.  Streitigkeiten dieser Art kennen wir alle. Du bist stocksauer, fühlst dich mißverstanden und kannst die Position und das Benehmen des anderen nicht verstehen.  Wie verhalten wir uns in solchen Situationen regelmäßig? Die Reaktionen in einem Streit, der einen Vorwurf an dich  beinhaltet, gehen hauptsächlich in zwei Richtungen. Bis auf wenige Ausnahmen gehören wir alle in die eine oder  die andere Gruppe.

Der Angreifer 

Der Angreifer geht in die Offensive. Er empört sich über den Vorwurf und ist ganz schnell dabei seinerseits Vorwürfe zu machen. Kennst du das, wenn du einfach nicht fassen kannst, was dir in einem Streit vorgeworfen wird? Du fühlst dich mißverstanden und manchmal hältst du dein Gegenüber sogar für undankbar. In deiner Wut und Traurigkeit willst du den Vorwurf, der dir in dem Konflikt gemacht wird, nicht auf dir sitzen lassen. Dir fallen so viele Situationen ein, in denen du dich gerade nicht so verhalten hast. Und noch viel mehr blitzen in dir Bilder auf, in denen der andere genau das Verhalten, was er dir jetzt vorwirft, selbst an den Tag gelegt hat. Der Angreifer macht  seinerseits Vorwürfe und  erinnert aufgebracht an alte Geschichten und versucht die Rollen zu vertauschen. Sein Ziel ist es, in einem Streit zu überzeugen. Er ist sich sicher, dass er Recht hat.

Der Selbstanklagende

Menschen mit diesem Konfliktverhalten nehmen den Vorwurf  sofort an und empfinden  ihn  als Ausdruck ihres eigenen Versagens. Vielmehr noch: Er ist eine  Bestätigung des eigenes Versagen. Sofort kommen dem Selbstanklagenden Zweifel an sich selbst, denn  sein Gefühl wird bestärkt, dass  er nie etwas richtig hinbekommt. Er erinnert sich, den Vorwurf schon oft gehört zu haben. Auf den Punkt gebracht ist die Botschaft des Selbstanklagenden: Ich bin schlecht.

In welche Gruppe gehörst du? Ich fürchte, ich gehöre häufig zur Gruppe der Angreifer. Nun könntest du denken, dass es besser  wäre, in einem Streit  zur Gruppe des Selbstanklagenden zu gehören, denn dieser übernimmt die Schuld und Verantwortung für den Streit. Doch damit liegst du nicht richtig. Egal zu welcher Gruppe du zählst, das Ergebnis ist das Gleiche. Beide Haltungen helfen nicht dabei die Auseinandersetzung  befriedigend zu lösen. Denn beide Verhaltensweisen eint, dass sie ausschließlich eine auf DICH  gerichtete Haltung beinhalten. Es ist gleichgültig, ob du in einer Konfliktsituation dich selbst oder dein Gegenüber angreifst, du hörst nicht wirklich zu. Dein Fokus ist nur nach innen  gerichtet. Beide Positionen unterscheidet lediglich, wen sie angreifen.  Und durch den ausschließlich auf dich gerichteten Fokus, kann es keine befriedigende Lösung in dem Konflikt geben. Es geht um Recht bekommen. Du und dein Gegenüber werden unbefriedigt und meist auch traurig oder wütend aus der Situation herausgehen. Aber wie kannst du nun den Streit als Chance nutzen?

Du musst anders zuhören

1. Höre zu ohne zu bewerten

Wenn du ausschließlich  das Gehörte nimmst, ohne eigene Bewertung, was bleibt dann übrig? Wenn du einfach die Worte hörst, ohne deine eigene Geschichte, ohne alte Verletzungen, kannst du dem Vorwurf   die Schärfe nehmen.  Versuch  dich von deiner eigenen Haltung zu lösen und vergiss deine Vorstellung, wie die Lösung aussehen sollte,  sondern höre einfach nur zu. Das ist sehr schwer, denn wir sind so verhaftet darin auf einen Konflikt anders zu reagieren. Wir empfinden die eigene Position als  die einzig richtige Haltung.  In unserem Konfliktverständnis ist ganz tief verankert, dass es nur eine Lösung geben kann und dass es wichtig ist  in einem Streit Recht zu haben. Aber vergiss für einen Moment die Lösung, die du im Kopf hast. Verzichte darauf zu bewerten und zu interpretieren. 

Stell dir  vor, du würdest einfach nur die gesprochenen Worte hören und sie nicht bewerten. Welche ungeheuren Chancen würde das bieten? Stell dir nun vor, wie ein unbeteiligter Außenstehender die Situation wahrnehmen würde. Versuch dir ganz konkret vorzustellen, wie dieser Dritte den Konflikt erleben und bewerten würden. Wenn du diesen Schritt gehst, wirst du merken, wie sich etwas in deiner Wahrnehmung ändert. Von außen betrachtet, ist der Vorwurf oftmals weniger dramatisch und eindeutig und auch weniger persönlich. Du wirst erkennen, dass  deine eigene Geschichte oder  das, was dich mit deinem Kontrahenten verbindet, extrem  ursächlich für deine Reaktion ist.

2. Versetze dich in die Situation des anderen

Wenn du es so geschafft hast, etwas Distanz zu deiner Wut und deinem Ärger zu bekommen, wird der nächste Schritt dir leichter fallen. Versuche jetzt die Situation aus der Perspektive und Wahrnehmung des anderen wahrzunehmen. Versetz dich in ihn hinein. Was will er dir eigentlich sagen? Worum geht es ihm? Was ist seine Botschaft? Vielleicht hat er lediglich die falschen Worte gewählt. Wenn du dich von deiner eigenen Bewertung löst, wirst du leichter  erkennen können, worum es ihm geht, was er dir eigentlich  sagen will. 

Durch diese  ungewohnte Art des Zuhören bist du in der Lage, den Konflikt reduziert zu sehen. Du kannst erkennen, was dir dein Gegenüber mitteilen will, du wirst seine Unzufriedenheit erkennen und auch nachvollziehen können. Anders als zuvor wirst du  verstehen und mitfühlen können, ohne den Vorwurf komplett  auf dich zu beziehen. Dieses Verstehen eröffnet die Möglichkeit nach  einer Lösung zu suchen und diese zu erkennen. Denn es geht nicht mehr nur um gewinnen oder  verlieren, um Recht haben oder nachzugeben, sondern es geht darum, den Konflikt konstruktiv zu lösen. Ohne tiefes und offenes Zuhören verschließt du dich dieser Möglichkeit.

Wenn der Streit reduziert ist auf das eigentliche Problem, hast du die Chance den anderen zu verstehen. Du wirst Lösungen erkennen, die du zuvor nicht sehen konntest. Eine  win-win Situation ist in greifbare Nähe gerückt. Es ist eine Lösung möglich bei der nicht einer  allein gewinnt, sondern alle Beteiligten.

Alles würde sich ändern, wenn Anna sich  fragen würde, was genau Tom niedergeschlagen und verzweifelt macht. Wenn sie nicht den Vorwurf gegen sich  hören würde, sondern mehr über Toms Gefühle wüsste, um ihn verstehen und unterstützen zu können.

Ohne Zuhören gibt es nur einen Gewinner und einen Verlierer. Wenn du  es schaffst  zuzuhören, könnt ihr beide gewinnen. So ist ein Konflikt deine  Chance auf ein besseres  und tieferes Verständnis und Miteinander.

Deine

 

Claudia

 

 

 

 

2 Comments

  1. Liebe Claudia, ich danke Dir von Herzen für Deinen tollen und wertvollen Beitrag zur Blogparade – Ich bin glücklich, dass Du dabei bist! Ich finde Deine Tipps klasse – Vieles davon verwenden wir in der Mediation auch. Nochmals herzlichen Dank und liebe Grüße, Christina