Von einer die auszog, eine Erinnerung zu finden

Etwas zu vermissen, an das du dich nicht erinnerst, ist wie Schmerz online im Abo zu bestellen.

Unlogisch. Gegen jede Vernunft. Und doch genauso passiert.

Gerade als mich vor wenigen Tagen das Weihnachts-Virus infizierte, Weihnachtsmusik in Dauerschleife, kollektive Tränen der Rührung bei Love Actually, dicke Schneeflocken, das Feuer des Kamins, Tannengeruch und dieses ganz besondere Licht in den menschenleeren, schneebedeckten Straßen der Nacht. Zartes rosarot. Ein leichtes Leuchten. Die wenigen Tage, die es noch dauert, bis ich mit allen, die ich liebe, wieder zusammen bin.

In dieser Idylle platzte plötzlich ein unerwünschter Gast. Mitten in der Nacht. Immer in der Nacht. Wir sollten schlafen, doch immer in der Nacht sind da diese Wünsche, diese Träume, diese Schmerzen.

Wenn du möchtest, lese ich dir die Geschichte vor

Ich dachte an meinen Vater. Er war schon so lange tot. Ich lebte so viel länger ohne ihn als mit ihm. Wenig, was ich mit ihm teilen konnte. Kaum etwas, bei dem er mich unterstützen konnte. Wellen des Schmerzes, schon halbwegs vergessen, überrollten mich. Ich vermisste ihn so schmerzlich. Aus dem Nichts hatte mich die Sehnsucht wie ein wildes ausgehungertes Tier überfallen. Ein scharfer Schmerz durchzuckte mich.

Ich brauchte ihn jetzt. Ich brauchte eine Weihnachts-Erinnerung an ihn. Etwas, das ich opulent ausschmücken konnte. Eine schöne Erinnerung, bunt und glitzernd wie ein Edelstein. Etwas, das ich in das silberne Kästchen meiner Erinnerungen packen und immer wieder hervorholen konnte, wenn mich die Weihnachtsliebe einer Tochter für ihren Vater zu überrollen drohte.

Doch das war

Nichts.

So sehr ich meine Erinnerung marterte, in allen Schubläden meines kleinen Mädchen-Sammelsurium wühlte, da war nichts. Nicht das Fitzelchen einer Erinnerung. Immer wenn ich glaubte, einen Moment gefunden zu haben, erkannte ich nach wenigen Augenblicken, dass es nur eines der wenigen Fotos war, die es von mir und meinem Vater gab. Da war dieses eine. Ich glaube, es wurde an einem ersten Weihnachtstag aufgenommen, denn es fehlt das obligatorische, hübsche, feierliche Kleidchen, das dem Heiligabend vorbehalten war. Ich trug ein kleines Nachthemdchen – vielleicht kam ich frisch aus der Dusche, ich weiß es nicht mehr – mit raspelkurzen Haaren, saß ich mit angezogenen Knien gemütlich an meinen Vater gekuschelt. Der Weihnachtsbaum stand links von uns. Brannten Kerzen? Vielleicht. Komm schon…erinnere dich… da muss doch irgendetwas in dir sein. …

Doch da war

Nichts.

Wie besessen durchwühlte ich meine Erinnerungen. Irgendetwas musste doch da sein? Je mehr ich wühlte, desto mehr fand ich. Ich fand kleine Erinnerungsfetzen, sah meine Mama, sah meine Schwester, Tannenbäume mit leuchtenden Kerzen, sah Heiligabende mit den köstlichen und manchmal abenteuerlichen Menükreationen meiner Mutter, sah gemütliche Weihnachtstage mit viel Gemeinsamkeit, mit Nachmittagen vor dem Fernseher, sah den kleinen Lord. Nie sah ich Traurigkeit. Nie Einsamkeit.

Eine Vorfreude erfüllte mich. Ich hatte es geschafft, hatte die Erinnerung gefunden. Doch nein. Mein Vater war nie dabei. Es waren die Weihnachten nach ihm, die meine Mutter so schön und leicht für mich und meine Schwester gestaltet hatte. Kein Trauern. Kein Verlust. Kein Schmerz. In meiner Erinnerung ist es immer nur das Fest der Freude. Gott, wie hat sie das nur geschafft?

Mama, ich danke dir mehr als ich sagen kann.

Doch so sehr ich suchte: Ich fand sie nicht. Fand nicht die Erinnerung, die ich so sehr brauchte. Es gab sie einfach nicht. Die Weihnachten mit meinem Vater.

Vielleicht ist es Zeit diesen Schmerz des Nicht-Erinnerns loszulassen. Was weiß ich schon von der Macht des Vergessens eines Kindes. Was weiß ich schon, warum ich gerade jetzt den Schmerz darüber so stark spüre. Kann es nicht sein, dass ich aus einem bestimmten Grund gerade jetzt in dem Berg aus Erinnerungen nach der einen magischen Erinnerung an meinen Vater suche? Vielleicht sendet er mir gerade jetzt die Erinnerung an die fehlende Erinnerung, damit ich an ihn denke. Mich an meine Liebe erinnere, die Wärme seiner Liebe spüre, als säße er ganz nah neben mir. Ich höre die Stimme meines Vaters, ohne sie zu erinnern. Sie ist einfach in mir.

Und plötzlich ist sie da, die Erinnerung. Denn es geht nicht um Momente, nicht um Situationen, um vergangene, gegenwärtige oder um zukünftige Weihnachten. Es geht um etwas das größer ist archivierte Erinnerungen. Tatsächlich geht es um Liebe, universelle Liebe, die Eltern geben und empfangen, das Band der Verbundenheit, das niemals durchschnitten wird, nicht einmal durch den Tod.

Während meine Augen voller Tränen sind, lasse ich den Wunsch nach der Erinnerung los und fühle einen sanften Frieden. Ich spüre wie ganz langsam das Bild meines Vaters verblasst. Nein, es verschwindet nicht. Es ist, als ob es verschwimmt, unscharf wird. Die Konturen lösen sich auf. Für einen Moment ist da nichts und ich hab ein wenig Angst vor dieser Leere. Befürchte, meinen Vater endgültig zu verlieren.

Ich sehe mich. Sehe den Schmerz des Loslassen. Mit tränenverhangenem Blick. Zwischen meinem inneren und dem Außen scheint es keine Grenzen mehr zu geben. Da ist nur ein Gefühl der universellen Liebe und der Dankbarkeit. Loslassen. Frieden. Endlich.

Doch dann ist da etwas in dem Nebel. In dem unendlichen Nebel, in dem eben noch das Gesicht meines Vaters verschwunden ist. Es scheint, als wenn sich im Nebel langsam Licht und Schatten aufzubauen scheinen. Konturen formieren sich. Augen, ein Kinn, ich sehe Wangenknochen ganz markant. Ich sehe einen Mann. Ich sehe meinen Vater.

Nein, ich sehe meinen Sohn. Meinen wunderschönen Sohn. Erkenne meinen Vater in meinem Sohn. Ich erkenne das Geschenk, das mir gemacht wurde. Das mir Vater gemacht zu haben scheint. Indem er,  immer noch da ist.

Langsam verschieben sich die Gesichter übereinander. Lösen sich auf. Und ich weiß, dass es vorbei ist. Und ich weiß, dass es beginnt.

Ich lasse die Suche nach der Erinnerung los. Denn ich weiß, dass ich alles habe was ich brauche. Ich habe nie etwas verloren. Alles ist da. Alles ist Liebe. Vergangene, gegenwärtige und zukünftige. Das ist es worum es an Weihnachten geht.

Um die Liebe. Um Dankbarkeit. Für das Leben. Dankbarkeit lieben zu dürfen, mit offenem Herzen.

Das was war. Das was ist. Das was sein wird.

Ich wünsche euch allen Frohe Weihnachten. Ich wünsche euch, dass ihr liebt. Aus vollem Herzen. Volles Risiko. Ohne Angst.

Claudia xoxo

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