Spaß am Geldverdienen oder: Schieb die Kohle rüber – hier gibt’s nix für lau, Sweety

Anna wartete gespannt, fast schon erregt darauf, dass der Aktualisierungsvorgang ihres Bankingprogramms abgeschlossen war. Die Seite baute sich neu auf und

Zauber-Zauber

war da ein entrückt-verzückter Ausdruck in ihrem Gesicht. Der Eingang des 5-stelligen Betrages als Vorauskasse auf den Auftrag, den sie sich gerade geangelt hatte, ließ sie hörbar aufseufzen. Sie ließ die Anspannung los und kuschelte sich in die Sofakissen.

Anna war so beseelt, glücklich, dankbar, euphorisiert und mega-stolz, dass sie  es geschafft hatte. Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht: Sie fing an, mit ihrer Arbeit, die sie über alles liebte, in der ihre ganze Leidenschaft, Kreativität und  Power steckte, Geld zu verdienen. Zaster. Moneten. Kohle. Und zwar so richtig. Es war nicht der erste gute Deal, den sie in den letzten Monaten an Land gezogen hatte. Diese Entwicklung hatte Anfang des Jahres begonnen und sich im Laufe der Monate stabilisiert.

Times of changes

Anfang des Jahres hatte Anna genug davon, dass immer die anderen, die,  die sich voll reinhängten, die wirklich interessanten Aufträge an Land zogen. Die Aufträge und Kunden, die sie gern hätte, zogen oft an ihr vorbei, weil sie mit ihren Ressourcen als schnuckelige Part-time Selbständige  die Bedürfnisse der Kunden nicht befriedigen konnte. Diese Kunden wollen einen starken Partner, einen Partner mit Renommee. Dieses wiederum bekam sie nicht, weil sie entsprechende Referenzaufträge nicht vorweisen konnte.

Es wurde immer deutlicher: Es musste etwas passieren.

Und es passierte etwas. Anna strukturierte um und schaffte Räume und Zeit. Zeit für ihr Business. Was sich so sachlich-nüchtern anhört, war tatsächlich mit einigen hitzigen Familienrat-Sitzungen, umfangreichen Neuverteilungsmaßnahmen in der Familie, Selbst- und Rabenmutter-Zweifeln, genervten Kindern, die nun mit den Fahrrädern selbst zu ihren Sport/Ballett/Geigen-Events fahren mussten, statt weiter mit dem Mama-Taxi chauffiert zu werden. Tacheles statt Kuschelkurs. Kennt ja jeder.

Bring this fuckin harvest home, hun

Die so geschaffenen Freiräume hatte Anna genutzt. Jetzt war Zahltag. Sie holte die Ernte ein. Sie hatte gesät und sie erntete.

Was Anna passierte, ist kalkulierbar. Wenn du säst,erntest du. The Circle of life. Es gibt verdammt gute Ernten, mittelmäßige, Totalausfälle wegen Heuschreckenbefall. Doch der Kreislauf bleibt. Du erntest und säst. Es gibt Faktoren, die du beeinflussen kannst. Je besser du den Boden vorbereitest, je qualitativer dein Saatgut, je besser du den Prozess begleitest, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass du eine verdammt gute Ernte hast. Außer die Heuschrecken kommen. Natürlich. Doch die sind nicht kalkulierbar, also vergiss sie.

Natürlich, woran Anna in diesem Moment noch nicht denkt, ist, dass sie wieder säen muss. Nach ihrer wunderbaren Ernte, diesem Moment der totalen Befriedigung, der Erleichterung oder der Euphorie über den Erfolg, muss sie wieder beginnen. Sie weiß das noch nicht. Anna muss das auch noch nicht wissen, sie soll ihren Erfolg geniessen. Dieses sexy Gefühl, wenn du mit der Arbeit, die du liebst, jemanden unfassbar zufrieden gestellt hast und er dir verdammt gern den vereinbarten Preis zahlt.

Anna wird es lernen, dass sie als Unternehmerin nun mitspielt. Natürlich wird sie das lernen. Es ist das, was sie liebt. Aber ich habe Zweifel, dass sie es lernen wird, die neuen Blicke auszuhalten.

Oh  Anna, herzlichen Glückwunsch

Die Blicke aus ihrem Kollegen-Umfeld, die sie mit ihren Zahlen überholt hat. Den unechten Ton der Glückwünsche von ihrem Innercircle, die sich vernachlässigt und monetären Zielen geopfert fühlen. Die enttäuschten Blicke der Freundinnen, deren Gärten sie bislang für lau umgestaltet und denen sie eröffnet hat, dass das nun ein Ende hat.

Sie fühlt Neid, der sie traurig macht.

Sie fühlt Entfremdung statt Nähe.

Sie fühlt enttäuschte Erwartungen statt liebevoller Unterstützung.

Sie spürt Konkurrenz, wo vorher nur Nähe war.

Das ist was Komisches, das will ich nicht

Der Moment, wenn du erkennst und  bekennst, dass dir finanzieller Erfolg wichtig ist, ist ein Moment, der einer Weggabelung gleicht. Aber keiner klaren Kreuzung, sondern eher einer mäandernden, sich plötzlich abzweigenden von Schluchten durchzogenen Strasse am Abhang.

Wenn du das erste Mal stolz von einem finanziellen Erfolg berichtest, wirst du sehen. Du wirst sehen, was zwar nicht offen, dennoch so klar und eindeutig passiert. Der Erfolg muss nicht 5 stellig und auch nicht life-changing sein. Den Unterschied macht deine Entscheidung, genau diese Kohle verdienen und auch nicht darauf verzichten zu wollen. Deine klare Ansage, zu liefern, zu verdienen und einzufordern, wird dich Opfer kosten. Denn wie kannst auf Geld bestehen, wenn du das tust, was du liebst? Wie kannst du die Leistung verweigern, die der andere doch so sehr braucht, nur weil er nicht zahlen kann? Wie kannst du gerade bei einer, nennen wir es „soften“ Dienstleistung, die so untrennbar mit Nähe, Empathie, deiner Person und überhaupt Liebe und you know what I mean, verbunden ist, auf Kohle bestehen?

It’s all about you

Es ist halt scheinbar einfacher zu sagen: Produkt gegen Kohle. Bratwurst macht € 2,80, bitte. Doch wenn jemand dich so mag, ihr euch so nah seid, es fühlt sich fast an wie Freundinnen an, sollte es dann nicht so einfach aus dir herauskommen?

Die Trennung zwischen dir und deinem Produkt ist eben deutlich einfacher, wenn ne Wurst den Besitzer wechselt.

Möglicherweise ist es gar nicht wirklich einfacher. Vielleicht sind das auch nur deine Gedanken. Eventuell wird es auch  in dem Moment einfacher, wenn du ganz klar bist. Wenn du für dich ganz klar den Wert erkennst und anerkennst, was du zu bieten hast.

Genau, du hast es zu bieten. Das bist nicht du. Es ist dein Produkt. Voller Liebe und Leidenschaft konzipiert, kreiert, beworben und verkaufen. Schweiß und Blut und Tränen. Liebe und Leidenschaft. Marx und Wirtschaftszyklen.

Es ist Teil deines Weges in diese Untiefen zu schauen. Der Moment, wenn du erkennst, dass du Geld verlangen musst. Die Erkenntnis, wen du dadurch verlierst. Die Enttäuschung all der Lau-Mitfahrer. Deine erste angemahnte Rechnung, obwohl ihr euch doch so nah gewesen seid. Die tiefe Erkenntnis, dass dieses verkaufen, Geld verdienen, tauschen, gewinnen, verlieren, vollkommen normal ist. Der Stolz ist normal. Genau wie die Enttäuschung. Die Euphorie ist genauso echt wie die Erkenntnis, dass nach der Euphorie die neue Erwartung wartet.

Also nimm es einfach alles mit und genieß den Moment – mit jeder Facette.

Dein größter Fan

 

Claudia xoxo

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